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Reisen

Patagonien – Traumland für Naturfotografen

“Diese verdammten Hasen” fluche ich leise vor mich hin während Regula angespannt auf die in der dunklen Nacht sich verlierende Autopiste starrt. Es ist stockfinster geworden hier in der endlosen Leere des argentinischen Patagoniens. Auf dieser 100 Kilometer langen Schotterpiste zur Estancia La Oriental wimmelt es von grossen, suizidgefährdeten Hasen und ich weiche ihnen aus so gut es geht. Wir sind schon den ganzen Tag unterwegs, verirrten uns kurz in den Anden auf dem Weg von Chile nach Argentinien und sind nun todmüde. Ich fluche weiter vor mich hin, verdamme mein Reisebüro in Deutschland in die Hölle und verfluche die miesen Strassen in Argentinien und die Welt generell. Dabei bin ich wie so oft selber schuld. Ich wollte ja unbedingt ein Buch über Argentinien machen, wollte schon immer nach Patagonien und prompt verfehlte ich die Abzweigung und verfahre mich in dem Gewirr von staubigen Strassen im Hinterland.

Patagonien – das weite, wilde Land am Ende der Welt liegt schon seit Anfang meiner Laufbahn als Reisefotograf auf meiner Sehnsuchtsliste. Dies weniger wegen dem Bruce Chatwin Buch “In Patagonien”, welches mir schon immer unglaublich langweilig vorkam, sondern wegen eines Fotos des Schweizer Fotografen Max Schmid. Es war das Bild eines riesigen Gletschers und im Vordergrund war ein Baum mit urigen Wurzeln zu sehen. Ich sah es auf dem Titel einer Foto Edition des Schweizer Verlages Photographie. Es war ein Bild das Max auf Kodachrome Film aufgenommen hatte. Es ist grau mit leichtem Grünstich und eigentlich recht fad und sicher heute nicht mehr instagramtauglich. Damals aber, also etwa 1984, war es für mich eine Offenbarung.

Jetzt im März 2006 haben wir einen Monat Zeit um erstmals dieses Land zu bereisen und tatsächlich taucht nun das Farmhaus der Estancia auf. Kein einziger Hase musste dran glauben und ich parke stolz beim Eingang zum Haupthaus, gehe ins Gebäude und werde prompt vom Besitzer angemotzt. “No es hotel es una estancia” schleudert er mir in mein müdes Gesicht und hält mir gleichzeitig einen Vortrag. Er ist sauer, dass wir so spät angekommen sind, das Essen verpasst haben und wahrscheinlich noch so einiges anderes mehr, denn er ist Argentinier und die haben dauernd Probleme. In dem Land funktioniert nie etwas und immer wenn es aufwärts geht mit der Wirtschaft hier, kommt schon die nächste Krise. Dabei ist das Land so super schön und vielseitig. Ich setze meine ganze Kunst der Beschwichtigung ein, erzähle von schwierigen Strassen, schiebe alles auf die in Argentinien unbeliebten Chilenen und sage: “die Agentur ist schuld” und dass ich ihn verstehe, aber eigentlich will ich nur, dass Regula ins Bett kommt und sich erholen kann. Als sie dann reinkommt und der Wirt ihr müdes Gesicht sieht, wird er schlagartig nett und stellt sogar die Heizung im eisigen Zimmer ein.

Am nächsten Morgen liegt ein feiner Schneebelag über der Landschaft als wir nach einer Kanne Mate-Tee abfahren. Diesmal wollen wir früh losfahren, denn wir kennen nun die endlosen Schotterpisten und wissen, wie lange es dauert um vorwärts zu kommen. Patagonien ist riesig, vom Wind gepeitscht, staubig und grandios. Dauernd springen Guanacos, die wilden Verwandten der Lamas herum, sausen Adler und Kondore durch die Luft, springen Füchse durch das Gras. Ab und zu taucht ein einsamer Gaucho zu Pferd wie eine Fata Morgana in der Ferne auf und schon kommen wieder hundert Meilen Einsamkeit.

Die erste Reise in ein neues Land ist immer die eindrücklichste. Noch sind alle Sinne auf die neue Umgebung eingestellt. Alles ist frisch, man ist noch voller Enthusiasmus und offen für Neues. Die Leute sind alle so exotisch und freundlich und alle Sinne sind geschärft und auf das neue Umfeld einprogrammiert. So war es auch in Patagonien.

Heute sind wir gestandene Südamerika Profis. Wir haben zwei Bücher über Argentinien publiziert, mehrere Bände zu Patagonien und auch Bücher über Brasilien, Kolumbien und Ecuador gemacht.

Auf der ersten Tour bereisten wir auch Ecken die heute von den vielen Fotoreisen-Anbieter komplett ignoriert werden. Zum Beispiel den versteinerten Wald und seine Badlands, die schon von dem leider viel zu früh verstorbene deutschen Fotografen Hubert Stadler fotografiert wurden und in seinem Buch Patagonien im Bucher Verlag erschienen. Wir besuchten die Halbinsel Valdez mit ihren Pinguinen, Walen und Robben, fuhren die öde Ostküste hoch, durchquerten per Boot die Seen bei Bariloche von Chile nach Argentinien und erkundeten den Lärchenwald im Alerces Park.

Auf mehreren Fotoreisen mit Kunden waren wir in Patagonien, Feuerland und sogar auf der Osterinsel weit draussen im Pazifik. Wir fahren immer selber mit Mietwagen und das ist heute gut machbar. Viele der Pisten von damals sind nun asphaltiert und die Infrastruktur in Argentinien und Chile ist sehr gut. Die berühmten Parks wie der Torres del Paine und Los Glaciares in Argentinien haben zwar mittlerweile viele Touristen, aber wer will und sich etwas weg bewegt von den Hot Spots ist schnell alleine und hat seine Ruhe. Im restlichen Patagonien ist man ganz alleine beim Fotografieren.

Im südlichen Sommer also von Dezember bis Ende Februar wird es arg voll in Patagonien und es gibt oft lange Warteschlangen bei den Tankstellen. Zudem weht dann der berüchtigte patagonische Wind am heftigsten und ich empfehle, die Monate generell zu vermeiden.

Wer in die entlegenen Ecken Patagoniens fahren will, muss sich gut vorbereiten. Es gibt wenige Tankstellen und manchmal kann man ein paar Tage lang kein Benzin kaufen. Noch immer gibt es dort Schotterpisten und es dauert alles länger als man denkt.

Einige unserer schönsten Erlebnisse waren an Orten wo keiner hingeht, etwa am Lago Posadas oder in Feuerland am Lago Blanco.

Meine alte Faszination für Patagonien und Argentinien generell hat immer noch nicht abgenommen. Was es genau ist kann ich nicht definieren. Für mich bleibt das Land dort einfach unglaublich exotisch. Wahrscheinlich weil es nicht auf den grossen Tourismusrouten liegt und auch, weil es nicht immer einfach zu bereisen ist. Ich bin einer dieser ewigen Romantiker, die es lieben, alleine in die Welt zu ziehen, weniger wegen der Bilder, sondern wegen dem Abenteuer und der Sucht nach neuen Ufern. Wahrscheinlich hetze ich immer noch Fragmenten aus meiner Jugend nach, bin im Geiste mit der Familie Duck aus den Carl Barks Geschichten auf der Suche nach Gold und Abenteuern oder versuche den morbiden, bürgerlichen Geruch von der Katholischen Sekundarschule in St. Gallen zu beseitigen und damit mir selber zu bestätigen, dass ich eben nicht ein langweiliger Spiesser geworden bin. Was immer es ist. Es macht Spass in Patagonien zu reisen und es macht Freude, dort zu fotografieren und das ist der einzige Grund der für mich zählt.

Christian Heeb gilt als einer der erfolgreichsten Reisefotografen der Welt. Er ist Bildautor von über 200 Bildbänden sowie unzähligen Kalendern und Magazinartikeln. Wenn er nicht gerade unterwegs ist um für einen neuen Bildband zu fotografieren, bietet er Fotoreisen und Workshops an. Hier können seine Angebote ausgewählt und gebucht werden: Fotoreisen und Workshops mit Regula & Christian Heeb

© Fotos: Christian Heeb

www.heebphoto.com
IG: christian_heeb_photographer
fb: christian heeb photography

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1 Kommentar

Schlatter Christoph Oktober 22, 2020 at 10:02 am

Schöner Bericht, das mit den Hasen kann ich nachfühlen 😉 Patagonien – einer meiner Sehnsuchtsorte.

Antwort

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