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Hoppla – plötzlich war ich Reisefotograf | 7

Teil 7: The End of Photography

Im Sommer 2019 war Donald Trump noch immer Präsident der uneinigen Staaten von Amerika. Alles hatte sich genauso entwickelt, wie ich es befürchtet hatte. Der Hass in Amerika wurde geschürt. Rassisten und Nazis krochen aus allen Löchern. Die Wirtschaft war knapp vor einer Rezession, aber der Aktienmarkt boomte, weil die Firmen riesige Profite machten. Die Umweltkatastrophe stand vor der Tür und die meisten Fotografen beschränkten sich auf Foto­reisen, Fotoworkshops oder verkauften Tutorials und Photoshop Plug Ins. Der legendäre Porträt-Fotograf Gregory Heisler war Lehrer an einer Fotoschule in Rochester. Das Brooks Institute ging pleite und selbst Annie Leibovitz verkaufte Online-Kurse. Michael Martin war mehr Abenteurer und Showmaster als Fotograf und Stefan Forster in der Schweiz machte auf Drama Queen mit unendlich vielen Zuschauern.

Die Reisefotografie war tot, nur wollte es niemand wahrhaben. George Popp und einige Kalender-Fotografen diskutierten darüber, wie sie die neuen miserablen Honorare der Kalender-Verlage erhöhen könnten und vergassen dabei, dass auch Kalender auf dem Weg ins Aus waren. Jeder noch so schlechte Fotograf versuchte verzweifelt, seine Kurse und Aktionen mit Facebook-Werbung zu verkaufen. Ein ganzes Bündel von Photoshop-Aktionen jetzt nur 19,99 statt 500 Euro, hiess es. Sofort zugreifen. So klang es online und in den sozialen Medien. Eine tragische Entwicklung. Jeder Amateur-Fotograf nannte sich Fotograf oder gab sich einen kreativen Namen wie etwa „Magic Pics“ oder „Bergsonnen­bilder“ oder weiss der Geier, auf was für Namen die Leute kamen. Andere nannten sich nun Fotokünstler und hofften, Geld mit Kunstfotografie zu machen.

In meiner Inbox lagen dauernd Anfragen von Firmen, die mir gegen ein Entgelt helfen wollten, meine Bilder zu verkaufen oder für mich zu bearbeiten. Ein Wettbewerb nach dem anderen versprach, mich berühmt zu machen, falls ich gewinne, aber ich müsste 30 Euro zahlen um dabei zu sein. Hotels und Cruise Lines wollten, dass ich sie auf meinen Fotoreisen berücksichtige und manchmal wollten sie tatsächlich ein Bild kaufen, aber meist für wenig Geld. Überall gab es Veranstaltungen über Fotografie. Ausstellungen, für die man bezahlen musste um dabei zu sein. Fotografen-Verzeichnisse und Bücher, die für eine Erwähnung eine finanzielle Beteiligung erwarteten. So ziemlich jeder versuchte, mit Fotografen oder aufstrebenden Fotografen Geld zu machen, denn nur mit Bildern konnte man nichts mehr verdienen.

Alle Fotografen auf Facebook hatten nun ein Wasserzeichen, also ihre Handschrift, im Bild dank der Firma Fotologo. Alle sahen gleich aus, denn alle benutzten dieselben Logos. Ich liess mein Copyright komplett weg. In einem Zeitalter, in dem man von Getty Images 25 Cent für ein Bild bekommt, sollten sie meine Bilder ruhig aus dem Web klauen. Mir war das so was von egal. Natürlich sandte ich dem State of California eine Rechnung für 100 meiner Bilder, die sie geklaut hatten. Sie wurde auch bezahlt und ich verdiente besser daran, als wenn ich die Bilder verkauft hätte.

Ich hatte immer noch einige gute Kunden. Travel Oregon kaufte Bilder vor mir für 300 Dollar pro Bild und VIA Magazin zahlte auch noch immer 750 Dollar für ein Titelbild. Tantiemen kamen ebenfalls noch rein und die Deutsche Verwertungsgesellschaft Bild und Kunst überwies jedes Jahr viel Geld – dank meiner 200 Bildbände.

Wir waren in der Endphase angekommen. Am besten keine teuren Produktionen mehr unternehmen, für die das Geld nicht im Voraus reinkommt, sagten wir uns. Die Fotoreisen und Workshops liefen noch sehr gut, machten Spass und brachten gutes Geld. Bilder verkaufte ich auch noch, aber nicht mehr so viele wie früher.

Ab und zu fotografierte ich in Bend noch Porträts im Freien oder in meinem kleinen Studio im Haus, schoss ab und zu kommerzielle Bilder für Architekten und fotografierte für Privatleute. Mit einem New Yorker Architekten ging ich in die Painted Hills, mit einer Lehrerin aus Kalifornien zum Sparks Lake. Vor allem aber hatten wir unsere Arbeitszeit von den 200% Prozent der frühen Jahre auf 60 % reduziert. Ich liess tatsächlich die Kamera zu Hause, wenn ich Freunde besuchen ging und betrachtete den grossartigen Sonnen­unter­gang auf meiner Terrasse ohne ein Bild zu schiessen. Es tat richtig gut. Gleichzeitig trat ich Kalender-Themen an andere Fotogra­fen ab. Nein, Brasilien mache ich nicht mehr, nein, ich habe null Bock auf San Francisco. Soll doch ein anderer Fotograf im Auto schlafen und San Francisco fotografieren sagte ich den Verlagen.

Als Regula und ich in Spanien waren und eine Fotoreise in Andalusien entwarfen, rief ein Fotograf aus Deutschland an. Mein alter Kalifornien-Bildatlas bei DuMont sollte neu fotografiert werden und er hatte den Auftrag erhalten. Es gab 12 000 Euro. Zuerst war ich sauer und dachte: Mann, warum haben die mich nicht gefragt? Regula fragte mich mit angewidertem Gesichtsausdruck: „Willst du denn wirklich Kalifornien neu fotografieren?“ Ich dachte an die verstopften Freeways von Los Angeles und an San Francisco, wo man über obdachlose Familien klettern muss, bevor man mit ein paar schlotternden Touristen über die Golden Gate Bridge gehen kann. Ich dachte an die immensen Hotelpreise und die einzuho­lenden Bewilligungen für Museen und Attraktionen und nicht zuletzt daran, dass ich sechs Wochen lang ohne einen Cent das fotogra­fieren müsste, was ich schon so oft fotografiert hatte. Nein, das musste nicht sein. Ich gab dem Fotografen willig meine Kontakte weiter. Er meinte, er schlafe am besten oft im Auto und fragte, ob das sicher sei in Kalifornien. Ich dachte nur, was für ein armes Schwein. Damals wurden wir von Visit California eingeladen und wohnten im Mandarin Oriental Hotel und heute schlafen die Fotografen im Auto. Wir hatten unglaubliches Glück gehabt, denn die Reisefotografie war nun ein trauriges Rennen in den Abgrund.

Wir hatten noch Fotoreisen bis 2022 geplant, wovon die meisten bereits voll oder mindestens genug Anmeldungen hatten, sodass wir sicher waren, sie durchführen zu können. Wir würden in nicht allzu ferner Zukunft Rente in der Schweiz und in den USA beziehen, besassen Häuser in den USA und Mexiko, zusammen mit meiner Schwester ein Mehrfamilien-Haus in der Schweiz und wir hatten genug Geld, um die nächsten 20 Jahre nichts mehr tun zu müssen. Und das alles hätte ich nur mit der Fotografiererei verdient? Ja kann man denn von Reisefotos leben? Das fragten die Leute immer wieder und wir antworteten stets, ja, das geht schon, wenn man sich etwas anstrengt. Die Betriebswirte, Banker oder Firmenbesitzer sahen uns dann meist mitleidig an, während sie sich darauf freuten, die Welt zu bereisen, wenn sie erst einmal pensioniert wären.

Wir freuen uns darauf, die Welt nicht mehr bereisen zu müssen, wenn wir pensioniert sind und in Oregon oder in unserem Haus in Mexiko zu sein. Die Welt haben wir bereist, als wir jung waren und uns die Erfahrungen viel brachten. Im Alter wollen wir Bücher lesen, Kajak fahren, wandern oder im Garten sitzen und Streifen­hörnchen, Vögel und Rehe beobachten. Die Reisefotografie ermöglichte uns ein freies Leben abseits von Reihen- und Einfamilienhäuschen und dem Grossraumbüro und starb gerade im richtigen Moment. Jetzt sind wir frei und unabhängig genug, um nicht mehr fotografieren zu müssen.

Von uns aus kann sich Michael Martin ewig durch die Eiswüsten der Erde quälen, wir aber sind bereit, nur noch eine Kamera anzufassen, wenn es Spass macht. Viele Leute prophezeiten mir immer, dass ich ewig arbeiten würde. Sie können sich einen Christian Heeb ohne Kamera nicht vorstellen. Eigentlich müsse ich jetzt als alternder gestandener Profi dauernd auf Fotografen Kongresse gehen und Vorträge halten, den Jungen sagen, wie es geht, und mich feiern lassen. Das würde gut in die „Explorer of Light“- oder „Ambassa­doren of Kommerz“-Schiene passen, die mich so furchtbar anödet. Heute brüstet man sich als Fotograf nicht mehr mit Bildern, sondern mit Firmen-Logos. Fast so wie geschmierte Politiker muss der Fotograf dauernd neue Produkte anpreisen, zum Beispiel das wohl nutzloseste Stück Glas überhaupt, den grauen Verlauffilter, der komplett überflüssig ist, wenn man nur rudimentäre Vorstellungen davon hat, wie Photoshop funktioniert. Aber diese Filter werden eben von den Ambassadoren angepriesen, und die Industrie verkauft sie gerne an unwissende Amateure.

Im Sommer 2019 starb der legendäre Fotograf Robert Frank. Als ich das erste Mal nach Amerika fuhr, hafteten seine Bilder in meinem Kopf. Franks Bilder und die des Malers Edward Hopper waren mir am gegenwärtigsten auf der Reise. Die Konsequenz mit der Frank seine Kunst betrieb und Amerika ein fotografisches Denkmal setzte ist einzigartig. Weder die Bilder eines Stephen Shore noch die eines Joel Meyerowitz kommen auch nur annähernd an die Bedeutung von Robert Franks Bildern heran. Bei der Durchsicht meiner eigenen Amerika Bilder der vergangenen 30 Jahre bleiben lediglich eine Handvoll Bilder, die ich als erhaltenswert bezeichnete. Der Rest war Füllmaterial für Bücher und den Bildermarkt. Die Fotos hatten uns gut ernährt und uns ein Leben ermöglicht, wie wir es uns erhofft hatten. Im Tecklenborg Verlag publizierte ich das Buch „Traumland“. Eine Art Schwanengesang auf das Amerika meiner Träume. In dem Band zeigte ich nur schöne unberührte Landschaften. Die Natur und das Land selbst waren und sind der Grund, warum wir in Oregon leben.

Die interessantesten Bilder in meinem Archiv sind die Indianer- Porträts von Leuten, die zum Teil nicht mehr leben. Es sind Dokumente eine erloschenen Zeit und daher noch immer interessant.

Gleichzeitig zu „Traumland“ erschien in der Edition Panorama der Band „Pax Americana“. Er versinnbildlichte meine verblassende Liebe zu Amerika. Darin zeigte ich lediglich farbreduzierte Bilder von verwahrlosten und verlotterten Americana-Orten im verfallenden Amerika. Dort, wo die Trump Wähler herkommen, im ländlichen Amerika, ist der Verfall der Weltmacht am ausgeprägtesten sichtbar. „Pax Americana“ war für mich das Ende meiner Amerika-Faszination. Der Band kam gut an und verkaufte sich ordentlich.

Jetzt wollte ich eigentlich nur noch mein Indianer-Thema zu Ende bringen und startete meine Serie „Native Dreamscapes“. Damit wollte ich das Indianer-Klischee endgültig demontieren, die Indianer in all ihrer Widersprüchlichkeit irgendwo zwischen archaischer Tradition und moderner Plastik-Kultur zeigen. Da steht nun die schöne Crow-Indianerin Lakisha Flores in ihrer Tracht zwischen den Raffinerie-Türmen der Petro-Chemischen Industrie oder es sitzt die Malerin Sonja Holy Eagle im McDonald’s Restaurant in Rapid City.

Während ich sozusagen die losen Enden meiner Amerika-Obsessionen zusammenband, sei es durch die Indianer-Bilder oder die Landschaften, entwickelte sich auch die „American Dreamscapes”-Serie weiter. In der „Uncle Sam“-Serie spielte ich Captain America selbst und wurde damit Teil meiner American Dreamscapes. In den Bildern wurde ich nun selbst zu einem Akteur und Schauspieler und Regula, die eigentlich nie Lust verspürte zu fotografieren, wurde zur Fotografin.

Die Richtung war klar. Solange es geht, ein Leben zwischen Amerika (Oregon), Mexiko und der Schweiz mit ein paar wenigen Fotoreisen und ab und zu einem Foto-Projekt und wahrscheinlich werde ich die Kamera doch nie ganz weglegen, denn wer weiss … vielleicht kommt da doch wieder eine neue Idee, die ich verwirklichen möchte.

Von Regulas Eltern übernahmen wir das Chalet am Grabserberg unweit des Voralpsees. Damit hatten wir wieder ein Projekt und auch in der Schweiz eine weitere Zuflucht inmitten der Natur. Die Schweiz als Zufluchtstätte in einer unsicheren Welt würde uns in der Zukunft sicher auch zugutekommen.

Regula sagte, das Ziel sei es, „Heeb Photo“ bis zum Jahr 2026 Carbon Neutral zu machen, also wenn ich 64 werde, Heeb Photo aufzulösen. Den Laden zu schliessen und uns komplett vom Geschäft zu trennen. Wahrscheinlich ergibt sich dann irgendein Foto-Projekt oder ein Haus-Umbau oder gar nichts. Was soll’s, wir haben unser Leben genau so gelebt, wie wir wollten, und das war die Hauptsache.

ENDE

Christian Heeb gilt als einer der erfolgreichsten Reisefotografen der Welt. Er ist Bildautor von über 200 Bildbänden sowie unzähligen Kalendern und Magazinartikeln. Wenn er nicht gerade unterwegs ist um für einen neuen Bildband zu fotografieren, bietet er Fotoreisen und Workshops an. Hier können seine Angebote ausgewählt und gebucht werden: Fotoreisen und Workshops mit Regula & Christian Heeb

© Fotos: Christian Heeb

www.heebphoto.com
IG: christian_heeb_photographer
fb: christian heeb photography

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Christian Heeb

1 Kommentar

Werner Halbauer April 21, 2020 at 7:05 pm

Hallo Christian,

zu Deiner Laufbahn in der Fotografie möchte ich Dich beglückwünschen. Du hast zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Entscheidungen getroffen, was – neben der erforderlichen Intuition bei der Aufnahme und Akribie bei der Bearbeitung – ebenfalls nicht ganz unwichtig ist. Wieviele Fotografen (egal ob sie sich Amateure, Profis oder Künstler nennen) haben heute den Zenit ihres Lebens überschritten und trauern nun den versäumten Gelegenheiten nach.

Wenn ich so zurückdenke (ich bin heuer 66 Jahre alt und fotografiere seit 1970 ernsthaft), so habe ich in einer anderen Weise ebenso Glück gehabt. Als ich in meiner Jugend gerne Natur- und Reisefotograf geworden wäre, hat mich das restriktive Gewerberecht in Österreich davon abgehalten (das es in dieser Form heute nicht mehr gibt, was jedoch zu wahrhaftig inflationären Tendenzen beim Medium geführt hat). So musste ich mich für den “Brotberuf” des IT-Consultants entscheiden und durfte Amateur bleiben. Dieser Umstand war für mich ein Geschenk, das ich erst in zunehmendem Alter so richtig zu schätzen begann. Wenn ich nach Australien flog und der Uluru stand nicht im rechten Licht, musste ich keine Aufnahme davon machen (damals gab es nur Dias und kein Photoshop). Es wartete weder ein Verleger, noch musste ich mich bei einem Diavortrag rechtfertigen, dass genau dieses Bild fehlte. Wenn ich im Fotoklub oder bei einer Personalausstellung meine Werke zeigte, konnte ich selbst entscheiden, was es zu sehen gab. Natürlich kaufte kaum jemand ein Foto und ich musste für meine Reisen und meine Ausrüstung das im Beruf verdiente Geld sehr genau einteilen. Aber ich hatte die Freiheit, 15-mal zum Carneval in Venedig oder die kleinen Kykladen-Inseln zu fahren, ohne auf die Wünsche von Geldgebern eingehen zu müssen. Das bereitete mir unsägliches Vergnügen.

Heute nehme ich auf meine Gesundheit Rücksicht, quäle mich nicht mehr mit schwerem Gepäck auf langweiligen Übersee-Flügen, sondern packe nur das Macro-Objektiv ein und fotografiere Blüten oder bemooste Baumstämme in meiner alpinen Heimat. Es macht genauso Spaß, selbst wenn ich manchmal noch von den gewaltigen Landschaften und Lichtstimmungen in aller Welt träume.

Ich wünsche Dir, dass Du auch diesen Grad der Zufriedenheit erreichen kannst, wenn Du Dich zurückziehst.

Liebe Grüße
Werner

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