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Hoppla – plötzlich war ich Reisefotograf | 4

Teil 4: Neue Heimat Oregon

Amerika in den neunziger Jahren. Bill Clinton war Präsident der USA, Al Gore sein Vizepräsident. Es sah gut aus für Amerika. Wir glaubten, alles würde sich so entwickeln, wie wir es uns erhofft hatten. Der Kalte Krieg war vorbei. Al Gore würde uns in eine grüne Zukunft führen, die Welt würde progressiver und friedfertiger. Dass der Boom der Clinton-Jahre auch den Kapitalismus weiter anheizen würde und unsere Zukunft zum Risiko wurde, wussten wir noch nicht. Wir waren also guter Dinge und fühlten uns in Amerika sehr wohl.

Mittlerweile waren wir versierte und erfolgreiche Fotografen. Ich war nun ein „Spezialist im Weglassen“, wie es der Verlagsleiter Ulrich Huse von Harenberg formuliert hatte. Das hiess, ich zog mir aus dem chaotischen Umfeld die perfekte Bilderbuch-Komposition heraus und schoss ein Foto, das den Traum des Reisenden oder Betrachters unterstützte. Reisefotografie dokumentiert nicht, sondern bietet eine endlose Auflistung von tollen Ansichten, Porträts und Naturszenen. Der Heeb-Mond, der mittels Doppelbelichtung eingesetzte Mond, war zu einem Markenzeichen geworden und verkaufte sich wunderbar. Regula war zu einer hervorragenden Navigatorin geworden und fand immer den Weg. Damals gab es weder GPS noch Google Maps. Man musste sich über Karten beugen, den Kompass einsetzen und mühsam nach einer einsamen Sandstraße, einer versteckten Siedlung oder der Auffahrt auf die Interstate in Downtown Dallas suchen. Wir kannten Amerika beinahe auswendig und so gut, dass ich zum Beispiel auf einer Reportage mit Stefan Nink bei Jackson, Mississippi, sagen konnte: „Wenn wir rechts abbiegen, kommt ein indisches Restaurant.“ Nink schüttelte ungläubig den Kopf, war aber auch froh wenn er tatsächlich indisch essen konnte.

Charly Juchler, wie wir aus der Schweiz und ein Freund der Lakota-Indianer, zeigte uns stolz sein Land in den Black Hills von South Dakota. Die sanfte, hügelige Prärielandschaft auf Charlies 20-Hektar-Grundstück war traumhaft schön. Der Anblick erinnerte uns an den Film „Der mit dem Wolf tanzt“. In der Ferne sah man die Berge und sogar Mount Rushmore, die in Stein gehauenen Präsidentenköpfe. Charly hatte ein Tipi-Camp auf seinem noch naturbelassenen Land errichtet. Dort kampierten wir. In dieser Abgeschiedenheit verwirklichte Charly seinen Traum. Wir waren seit einigen Jahren mit unserem Journalisten-Visum in den USA unterwegs, hatten aber nie daran gedacht, uns dort niederzulassen. Wir hatten auch nie konkret daran gedacht, ein Haus zu bauen. Solche „Spießer-Träume hatten wir nie in Erwägung gezogen. Wir fotografierten die Indianer-Story mit Charlies Hilfe und machten weiter in unserem Job. Während dieser Zeit entstanden so viele Reportagen, Bücher und Kalender, dass ich den Überblick verloren habe. Für Kunst-Fotografie hatte ich schlicht keine Zeit, mehr denn je ließ der Job keine freien Projekte mehr zu. Mir war es recht, denn ich liebte auch die Herausforderung, im Auftrag zu arbeiten.

1995 waren wir im Nordwesten der USA unterwegs und fotografierten einen Reiseführer für den Vista Point Verlag. Dabei verbrachten wir einige Zeit in Oregon, unter anderem auch in Central Oregon und der Stadt Bend. Es war Sommer und das Wetter sonnig und warm. Der Schnee auf den Vulkanen leuchtete in der Ferne und der Salbei- Duft der High Desert lag in der Luft. Erst als wir wieder auf dem Weg nach New England waren, irgendwo im Upstate New York, dämmerte uns, dass wir den Ort gefunden hatten, an dem wir wohnen wollten. Wir hatten uns zuerst in Santa Fe und Taos in New Mexiko umgesehen, waren uns dort aber nicht sicher gewesen. Oregon hatte alles, was uns wichtig war. Viel Platz, wilde Landschaften, Berge und Meer. Die Westküste der USA war schon immer politisch liberal, die Menschen sehr freundlich und umgänglich. Bend hatte für uns geradezu ideales Klima ohne Nebel und Dauerregen wie in St.Gallen.

Zurück in der Schweiz rief ich in Bend bei einer Immobilenfirma an und vereinbarte, dass wir im Mai 1996 vorbeikommen würden, um uns einige Häuser und Grundstücke anzusehen, möglichst mit Blick auf die Berge, außerhalb von Bend. Eventuell mit Haus. Wir arbeiteten an einigen Projekten, unter anderem Bücher zu Kalifornien und Magazin-Geschichten über den Westen der USA, da passte eine Reise nach Oregon gut rein. Wir hatten unser Visum erneuert und konnten problemlos einreisen.

In Oregon im Mai 1996 zeigte uns die Brokerin Mary Leaghjeld als erstes ein 16 Hektar umfassendes Stück Land südöstlich von Bend in der Hochwüste. Auf dem naturbelassenen Land wuchsen Wachholder und Fichten, die seinen besonderen Reiz ausmachten. Das Grundstück war erschlossen, jedoch musste noch die Straße zum späteren Haus fertiggestellt werden. Regula war sofort begeistert, und ich war dafür, aber natürlich wollten wir noch mehr sehen. Wir sahen uns mehrere Häuser an, uns wurde aber bewusst, dass wir als Schweizer Architekten nie ein bestehendes Haus in Bend kaufen können. Selbst wenn die Lage gut war, waren doch viele Details in den Häusern für uns schwer zu verstehen oder einfach nur hässlich. Also gaben wir auf und konzentrierten uns wieder auf die Grundstücke. Wir hätten uns die Zeit sparen können, denn alle Wege führten wieder zurück zum ersten Stück Land am Horse Butte. Ein Anwalt aus San Francisco wollte dort eigentlich sein Traumhaus errichten, hatte aber beschlossen, doch nach Idaho zu ziehen. Nur deshalb war das Grundstück auf dem Markt, als wir ankamen. Ansonsten hätten meine heutigen Nachbarn zugeschlagen.

Natürlich war das Land teurer als erwartet, und die 280 000 Dollar waren ein Haufen Geld. Da wir über die Jahre viel Geld gespart hatten, konnten wir bar bezahlen. Nach einer schlaflosen Nacht sagten wir zu und kauften die Parzelle.

Wir hatten noch genug austehende Honorare, und da auch Tantiemen von Bildbänden und viel Geld von Look kam, waren wir guter Dinge und fingen an ein Haus zu planen. Wir wollten nach Oregon umziehen. Wir hatten zwar nur das Journalisten-Visum, konnten in den USA wohnen, durften aber nicht für amerikanische Firmen arbeiten. Ich verkaufte auch Bilder in den USA, besonders an Kalender-Verlage wie Browntrout, aber diese Einnahmen wurden in St. Gallen versteuert.

Unsere Hauspläne begannen mit einem Blockhaus und endeten mit einem solarbetriebenen Strohballenhaus im Adobe-Stil. Die Hochwüste in Oregon hat Ähnlichkeiten mit New Mexiko, sodass der Stil besser passte als ein Holzhaus. Ein Architekt aus San Francisco erstellte die Pläne, welche wir ergänzten und im Detail auf uns zuschnitten. Der Prozess dauerte ein Jahr. Als Prototyp bauten wir zuerst die Strohballen-Garage, um dann beim Haus aufgrund vermutlicher Fehler alles zu perfektionieren.

Während die Garage entstand, arbeiteten wir weiter an USA-Büchern und einigen Sonderheften des Magazins „Abenteuer und Reisen“. Thomas Jeier, der bekannte Schriftsteller und Amerika-Experte, dessen Bücher ich schon als Junge gelesen hatte, war der Autor des USA-Südwesten-Heftes, für das wir zum ersten Mal zusammenarbeiteten. Jeier war und ist ein sagenhafter Schreiber und Journalist, mit dem man unglaublich gut und produktiv arbeiten kann. Bis heute arbeiten wir zusammen und haben viele Bücher und Magazin-Artikel gemeinsam erarbeitet. Das Team Heeb/Jeier kennt alle Ecken der USA und hat Kontakte überallhin. Dies sollte uns während der Bush-Jahre auch einigen Kummer einbringen.

Nun aber ging das Reisefotografen-Leben weiter. Während in Oregon gebaut wurde, fuhren wir sechs Monate für einen großen Harenberg-Band durch Australien, waren in Südafrika und Mexiko. „Globo“ brachte eine Geschichte über unsere Oregon-Pläne, in der ich beschrieb, warum wir dorthin zogen. Ende 1998 mieteten wir in Bend eine 3,5-Zimmer-Wohnung, die monatlich sagenhafte 450 Dollar kostete. Auf der Bank gab es 6,5 Prozent Zins auf unser Geld. Man kann sich das heute kaum vorstellen.

Irgendwann kam ein Anruf einer Bild-Chefin des Magazins „Fit for Fun“. Die Frau war so zuckersüß und nett, dass ich sofort vermutete, da ist was im Busch. Bildredakteure sind nur nett, wenn sie was von dir wollen, sonst haben sie oft eisige und abweisende Stimmen. Es ging darum, dass die Redaktion etwa 70 Dias von Look verloren hatte, darunter etwa 15 von mir, deshalb rief sie an. Look hatte mir nichts gesagt, aber große Schadensansprüche beim Verlag Gruner und Jahr angemeldet, in dem die Zeitschrift erschien. Die Dame wollte mich dazu bringen, direkt mit der Redaktion zu verhandeln. Ich lehnte ab und verwies sie an Look, meine Bildagentur. Wie sich heraustellte, ging es um Kodachrome-Dias aus Kentucky. 1989 hatte ich leider noch mit diesem Film fotografiert, obwohl er eigentlich schon nicht mehr brauchbar war. Die grünstichigen Bilder aus dieser Zeit waren furchtbar. Nun gibt es bei den Fotografen sogenannte Erbsenzähler, die jedes Ihrer Dias als eines ihrer Kinder betrachten und ihre Bilder entsprechend vergöttern und hegen und pflegen. Ich sah die Sache eher als Geldquelle und verteilte sie gnadenlos. Ich schoss so viele Bilder, dass es auf eines mehr oder weniger nicht ankam. Im Grunde waren mir die Kentucky-Bilder komplett egal. Harenberg hatte das Buch gemacht und der Auftrag war erledigt. Mir waren sie eher peinlich. Look aber erhielt satte 60 000 DM für die Bilder, und ich bekam 30 000 für 15 lausige alte und grünstichige Dias. Das waren noch Zeiten.

In der Fotografie hatte sich für uns kaum etwas verändert. Der Fuji-Velvia-Film war der unumstrittene König unter den Dia-Filmen, und ich schoss tausende von Rollen. Die schlechten Bilder wurden aussortiert und verschwanden in dem Mülleimer, der gleich neben meinem Leuchtpult stand. Ich schoss jedes Bild mindestens zehn Mal, so dass ich Originale an Verlage und Agenturen verteilen konnte. Der Kurier Fedex kostete mich jedes Jahr einige tausend Dollar, da die Dia-Pakete möglichst sicher nach Europa gesandt werden mussten. Look war meine Hauptagentur, aber ich hatte nun auch Bilder bei Hemispheres in Paris, Prisma in der Schweiz und in den USA bei John Gnass. Die Kollegen in München waren sauer, weil Look im Grunde weltweite Exklusiv-Rechte wollte. Da ich aber der Fotograf mit den höchsten Umsätzen war, konnte ich pokern und mir Sonderechte erkämpfen.

Der Afrika-Kenner und Referent Michael Martin war nun auch bei Look und uns allen war noch nicht bewusst, wohin die Reise ging. Michael wusste es damals schon und hatte mit viel harter Arbeit und Charisma einen Personenkult aufgebaut, der ihn berühmt und reich machen sollte. Mir aber ging es immer noch darum, frei zu sein und in weiter Natur zu leben. Mein Geschäft war darauf ausgerichtet und ich hatte keine Lust mich auf Vortragsreise zu begeben. Seit langer Zeit nutzten Fotografen die Vortragsszene, um ihre Reisen zu finanzieren. Für mich waren diese Tourneen kein Thema.

Unser Haus wurde Ende 1999 fertig. Zur gleichen Zeit kam ein Brief des Einwohneramtes von St. Gallen. Der Chef dort hatte sich schlau gemacht und bemerkt, dass wir unsere Wohnung in St.Gallen aufgegeben hatten und nicht mehr dort lebten. Wir dachten, dass wir weiterhin dort Steuern zahlen, bis wir irgendwann definitiv in den USA angemeldet sein würden. Da wir aber noch mit Journalisten-Visa in den USA waren und weitere acht Monate reisten, war dies die praktischste Lösung. Aber natürich ging das nicht mit den biederen Behörden in St. Gallen und es war ja auch eine Frechheit, dass wir es wagten, weiterhin dort Steurn zu zahlen. Doch das Amt ließ sich nicht erweichen. Wir mussten uns abmelden, das heißt, wir wurden rausgeschmissen. Die Stadt, in der mein Großvater eine grosse Textilfirma besaß, mein Vater jahrelang ein Architektur-Büro führte, in der ich aufgewachsen war, warf uns raus. Nun mussten wir einen Weg finden, in den USA die Green Card zu bekommen, denn wir besaßen jetzt 16 Hektar Land und ein großes Haus, die „Rancho Las Hierbas“. Es wurde Zeit, Amerikaner zu werden.

 

FORTSETZUNG FOLGT…!

 

Christian Heeb gilt als einer der erfolgreichsten Reisefotografen der Welt. Er ist Bildautor von über 200 Bildbänden sowie unzähligen Kalendern und Magazinartikeln. Wenn er nicht gerade unterwegs ist um für einen neuen Bildband zu fotografieren, bietet er Fotoreisen und Workshops an. Hier können seine Angebote ausgewählt und gebucht werden: Fotoreisen und Workshops mit Regula & Christian Heeb

 

 

© Fotos: Christian Heeb

www.heebphoto.com
IG: christian_heeb_photographer
fb: christian heeb photography

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