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Das Matterhorn – Der Berg der Berge

04.00h morgens. Es ist stockdunkel und die Sterne glitzern hell über dem Firmament. Eine kleine Gruppe von Fotografen steht bereit vor dem Berghaus Riffelberg für den Abmarsch an den Riffelsee. Es ist eisig kalt und unser Atem dampft in der kalten Bergluft. Trotz Hochsommer sind die Temperaturen hier auf 2580m.ü.M. unter den Gefrierpunkt gefallen. Nun aber schnell los, denn wir sind für den steilen, einstündigen Aufstieg nur leicht bekleidet. Unser gemeinsames Ziel, eine Aufnahme des Matterhorns im Morgenlicht, das sich im ruhigen Riffelsee spiegelt.

Das Matterhorn – im Dialekt der Walliser auch „Hore“ oder „Horu“ genannt ist mit 4478 Metern Höhe einer der höchsten Berge der Alpen. Wegen seiner markanten Gestalt und seiner Geschichte in der Bergsteigerei, ist das Matterhorn einer der bekanntesten Berge der Welt. Das Matterhorn wird pro Saison von rund 3000 Bergsteigern bestiegen – an Spitzentagen sind bis zu 100 Alpinisten am Berg. Am 14. Juli 2015 jährte sich die Erstbesteigung durch die Seilschaft des Engländers Edward Whymper zum 150igsten Mal. Zu diesem Anlass wurde die Route der Erstbesteiger am Hörnligrat mit 50 Stück Solarlampen versehen, welche in den Sommermonaten 2015 Nacht für Nacht aufsteigend drei mal 11 Minuten aufleuchteten.

Zur 150-jährigen Erstbesteigung des Matterhorns wurde die Route – der Hörnligrat – mit 50 Solarleuchten ausgestattet.

Das Matterhorn als Werbemotiv

Für die Schweiz ist es das Wahrzeichen schlechthin und eine der meistfotografierten Touristenattraktion. Zudem ist das Matterhorn ein sehr begehrtes Werbemotiv, wie beispielsweise in der Schokoladen Industrie. Sucht man in Google nach dem Begriff Matterhorn, werden mittlerweile ungefähr 12.6 Mio. Einträge angegeben. Bei Getty Images sind es rund 10‘000 Bilder, die Tendenz steigend und auch bei anderen Bildagenturen sind es ähnlich viele Fotos. Also ein sehr gefragtes Motiv von Fotografen und Werbeagenturen gleichermassen.

Matterhorn
Eindrückliche Morgenstimmung am Stelisee. Das klassische Postkartenbild mit Vorder-, Mittel- und Hintergrund.

Der Berg steht in den Walliser Alpen zwischen Zermatt und Breuil-Cervinia. Ost-, Nord- und Westwand liegen auf schweizerischem, die Südwand auf italienischem Staatsgebiet. Die beste Sicht auf die markante Form des Matterhorns hat man allerdings oberhalb Zermatt, von der gegenüberliegenden Talseite. Von Zermatt führen verschiedene Bergbahnen in die Höhe, aber nicht am frühen Morgen. Wer also am Morgen zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein will, muss am Berg übernachten.

Matterhorn
Die markante Pyramidenform des Matterhorns lädt geradezu, zu einer Reduktion der Bildelemente – auf eine grafische Darstellung ein.

Ein steiler Anstieg

„Einmal im Leben muss man das Matterhorn gesehen und als Fotograf im besten Licht fotografiert haben.“ Unter diesem Motto standen auch in diesem Jahr wieder unsere Matterhorn Fotoworkshops. Und wir sollten wieder einmal recht bekommen.

Matterhorn
Wenn das Horu zu glühen beginnt. Die ersten Sonnenstrahlen treffen nach der Dämmerung auf die Spitze des Matterhorns.

Der Anstieg zum Riffelsee ist steil und mit dem gesamten Kameraequipment am Rücken umso anstrengender. Ein schmaler Bergweg, kaum mehr sichtbar an manchen Stellen, führt uns geradewegs zum Bergsee. Der eine oder andere «Unterländer» – so werden die Bewohner aus dem Flachland genannt – schnappt bereits nach Luft in der dünnen Atmosphäre auf dieser Höhe. Ein Blick nach rechts und unter dem Sternenhimmel sind bereits die Umrisse des Matterhorns zu sehen. Erste Bergsteiger sind in der Wand, das Leuchten der Stirnlampen, aufgereiht wie eine Schnur, zeigt sich oberhalb der Hörnlihütte, Ausgangspunkt der Bergsteiger für die Matterhornbesteigung.

Matterhorn
Nachtaufnahme bei Vollmond vom Gornergrat. Das Gebäude habe ich mit meiner Stirnlampe etwas aufgehellt. Im Hintergrund sieht man den beleuchteten Hörnligrat am Matterhorn.

Mein Fotoequipment beschränkt sich heute Morgen auf das Wesentliche, eine DSLR Kamera, ein 24-70mm für die Aufnahmen des Matterhorns, ein 70-200mm für spätere Aufnahmen am Gornergletscher, mein Filterset bestehend aus Grauverlaufsfilter und Polarisationsfilter und natürlich mein Stativ. Zudem habe ich noch Unterwäsche zum Wechseln, eine wärmende Daunenjacke und einen kleinen Snack mit dabei. Am Vorabend habe ich alle Teilnehmer gebeten vor dem Abmarsch, im Zimmer, etwas zu essen, denn der Energiehaushalt kann einem am frühen Morgen durchaus einen Streich spielen und die Leistung am Berg ist wie weggeblasen. Langsam bewegen wir uns den Bergweg hoch, Kuppe für Kuppe.

Matterhorn
Ausschnitt aus dem Gornergletscher im Morgenlicht. Die Windungen entstehen durch den Abfluss der Gletscherschmelze.

Ausgepowert, schweissnass, aber glücklich über die eigene Leistung erreichen wir den oberen Riffelsee. Der See ist rund 100 Meter lang und 50 Meter breit und liegt auf einer Höhe über dem Meeresspiegel von 2’757 Meter. Das Gewässer liegt ruhig vor uns da, genau so wie wir es uns gewünscht haben. Es ist absolut windstill und das Matterhorn spiegelt sich im Dunkeln bereits im See. Damit wir uns nicht erkälten wechseln wir nun unsere Unterwäsche. Merino Unterhemd und lange Unterhosen sind nun gefragt. Ansonsten ist man sehr schnell ausgekühlt. Die warme Daunenjacke anziehen und bereits geht es los mit dem Aufbau der Stative und den ersten Bildern.

Matterhorn
Die Milchstrasse steht über dem Matterhorn. Die Aufnahme entstand um 02:30h. Schön das es auch noch eine Sternschnuppe ins Bild geschafft hat.

Erste Aufnahmen in der blauen Stunde

Seit Jahren führe ich Fotoworkshops am Matterhorn durch und ich besitze mittlerweile einige hundert Bilder des Horu – gefühlte Zehntausend. Aber die Faszination ist für mich immer wieder da. Jedes Bild ist anders, auch wenn der Bildaufbau teilweise identisch ist, die Stimmung, die Wolken, der Dunst, das Wetter, das Licht geben den Bildern immer wieder einen neuen Schliff und das macht es so spannend.

Wir starten unsere Aufnahmen in der Blauen Stunde. Perfekte Standorte werden gesucht und gefunden. Jeder hat seine Bildausschnitte im Kopf oder wird von mir beraten.

Kurz vor Sonnenaufgang leuchtet der Himmel nun leicht rosa und der Erdschattenbogen zeigt sich in einem schönen blau. Ein wunderbarer Farbkontrast am Himmel – beinahe kitschig. Jetzt heisst es schnell vorbereiten für den Sonnenaufgang. Die Spitze des Horus wird es als erstes treffen. In den ersten Sekunden glüht die Spitze in einem hellen Morgenrot. Es ist soweit! Die Spitze leuchtet. Alle Teilenehmer/innen sind begeistert an der Arbeit und die Speicherkarten füllen sich schnell. Der eine oder andere schreit glücklich auf: «toll», «der Wahnsinn», «wunderbar», etc. Ich blicke in äusserst zufriedene Gesichter. Schnell Perspektiven und Ausschnitte ändern, denn dieser Moment dauert nur ein paar Minuten.

Matterhorn
Ein feines Rosa überzieht den Himmel am frühen Morgen und der Erdschattenbogen zeigt sich in einem schönen Blau.

Weitere Viertausender

Mit der Sonne kommt die Thermik und mit der Thermik kommt nun der Wind. Die glasklare Spiegelung wird gebrochen und das Matterhorn spiegelt sich kaum mehr im Bergsee. Das ist nun unser Zeichen für den Aufbruch zum Gornergletscher. Wir wollen noch ein paar Aufnahmen über dem Gletscher mit dem Bergpanorama und dem schönen Morgenlicht erstellen. Auf dem Sattel über dem Riffelsee angekommen erblicken wir bereits den langgezogenen Gletscher.

Matterhorn
Gornergletscher im Abendlicht, nach Sonnenuntergang. Die Monte-Rosa-Hütte ist als kleiner goldener Punkt links über dem Gletscher zu erkennen.

Die Bergwelt rund um Zermatt bietet 38 Viertausender. Darunter sind einige klangvolle Namen wie das Allalinhorn, die Dufourspitze, den Liskamm, die Parrotspitze, etc. Mein Lieblingsberg neben dem Matterhorn sind die Zwillingsberge Castor und Pollux. Die beiden reihen sich ein in die Bergkette zwischen dem Breithorn und dem Monte-Rosa-Massiv, hoch über dem Gornergletscher. Der Gipfel des Castors befindet sich auf italienischem und Pollux auf schweizerischem Gebiet.

Matterhorn
Meine Lieblingsberge «Pollux» rechts und «Castor» links. Mitten durch die Zwillingsberge führt der Grenzverlauf zwischen Italien und der Schweiz.

Unser Alpenraum ist sehr gefährdet

Auch wenn es viele – auch Politiker – nicht wahrhaben möchten, die globale Erwärmung ist mehr als eine Zeitungsnotiz und zeigt sich in den Bergen mit dem massiven Schwund der Gletscher. Rund 50% der Gletscherfläche der Schweiz ist in den letzten 170 Jahren, seit ihre grösste Ausdehnung (1735 km²) während der kleinen Eiszeit, um das Jahr 1850, gemäss ETH Zürich verschwunden. Bis 2100 werden 80-90% der Eismassen verschwunden sein, selbst mit den grössten Anstrengungen im Klimaschutz. Der Gornergletscher über Zermatt hat beispielsweise rund 20% seiner Fläche verloren. Wenn man wie ich, oft und über mehrere Jahre immer wieder in den Bergen, an den gleichen Orten unterwegs ist, sieht man diese beängstigende Veränderung mit eigenen Augen. Das Auflösen des Permafrosts, also die Erwärmung des dauernd gefrorenen Untergrundes im Hochgebirge wird zu weiteren Steinschlägen und Bergstürzen führen und stellt für die Bergorte und deren Bevölkerung eine enorme Bedrohung dar. Anklagen kann ich niemanden. Auch ich muss mich in die Reihe der Verursacher miteinbeziehen. Als Vielreisender bewege ich mich im Spagat zwischen Naturschutz und meiner Arbeit als Fotograf. Daher versuche ich meine Reisen nach Möglichkeit zu optimieren und zusammen mit meinen Reiseteilnehmern die Natur zu respektieren.

Matterhorn
Das Matterhorn steht in einem wunderschönen rosa Morgenlicht vor Sonnenaufgang. Hier habe ich bewusst auf eine Brennweite von 50mm gesetzt. Dies entspricht in etwa unserem Gesichtsfeld. Zudem wollte ich die Felsen im Vordergrund nicht so dominant darstellen.

 

Thomas Heitmar (1967) ist fasziniert von Formen, Strukturen, Licht und Farben. Der Profifotograf beschäftigt sich mit klassischer Landschafts- und Naturfotografie, aber auch mit Architektur- und Reisefotografie. Seine Fotos erscheinen in Kalendern im eigenen Verlag, in Zeitschriften oder als grossformatige Fine Art Bilder für Private oder Geschäftskunden. Sein Wissen teilt Thomas gerne in Fotoworkshops und auf Fotoreisen.

 

www.thomasheitmar.ch
IG: thomas_heitmar_fotografie
fb: Thomas Heitmar Fotografie

© Fotos: Thomas Heitmar

 

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