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Hoppla – plötzlich war ich Reisefotograf | 2

Teil 2: Von Küste zu Küste

Wir kamen in New York wie zwei Flüchtlinge an. Unsere Segeltuchtasche war mit fünfzig Dia-Filmen von Agfa, mehreren Rollen Ilford-Schwarzweiss-Filmen und etwa zwanzig Rollen Kodachrome-Dia-Filmen (64 ASA bis 200 ASA) vollge­stopft. Wir hatten eine Nikon F3 und eine Nikon FM2 dabei. Dazu ein paar DuMont-Reiseführer und Klamotten. Meine Brennweiten waren alle fix und ich hatte ein 500mm Spiegel-Tele mit Minimalblende 8 im Gepäck. Wichtiger aber waren die Bilder in meinem Kopf. Ich sehe noch vor mir, wie wir mit dem Taxi nach Queens fuhren. Das Lederpolster des Yellow Cab war abgescheuert und der Wagen roch etwas modrig. Der Fahrer sah aus wie Morgan Freeman. Im Radio grölte Madonna „Isla Bonita“. Es war der 5. Mai 1986 und wir waren endlich im gelobten Land eingetroffen.

Wir hatten von zwei Schweizern einen alten Ford Pick Up Camper (Baujahr 1977) gekauft. Der Camper stand in Queens bei Rene, einem Franzosen, der in Manhatten für Danzas arbeitete. Da die Verkäufer uns erst in den USA gestanden, dass sie die Besitzurkunde verschlampt hatten, sassen wir einen Monat in New York fest und hausten an der Strasse in unserem Camper.


Dazu muss ich sagen, dass man damals, also im Jahre 1986, wirklich weg war, wenn man reiste. Es gab keine E-Mail und telefonieren war teuer. Man schrieb noch Briefe und wartete eine Woche oder länger auf Antwort. Wir waren also allein inmitten dieser riesigen Stadt und wollten eigentlich nur nach Montana und zu den Schwarzfuss-Indianern. Da ich nie eine fotografische oder journalistische Ausbildung genossen hatte, war ich mir nur vage bewusst, wie ich vorgehen sollte und wie ich meine Sehnsucht nach Abenteuern und Fotografie verwirklichen könnte. Im Grunde verstand ich kaum, wie Verlage und Agenturen funktionierten, und meine technischen Kenntnisse waren mangelhaft. Regula hatte auf mich gebaut und ich bekam ein mulmiges Gefühl, wenn ich an unsere Zukunft dachte. Der klassische Satz von Dick und Doof kam mir wieder in den Sinn, als Ollie zu Stan sagt: “Another fine mess you got us into.”


In meinem Kopf waren all diese Bilder, die ich nun versuchte, mit meiner Kamera einzufangen. Wenn wir zu Fuss durch unser Wohnviertel in Queens liefen, kamen mir Bilder von Edward Hopper in den Sinn, in Manhattan dachte ich an Edward Steichen, Francisco Hidalgo und Robert Frank. Aber so richtig zog es mich auf den Blue Highway. Ich wollte wie der indianische Schriftsteller William Least Heat Moon durch Amerika reisen, das Land entdecken und meinen Stempel auf das Indianerland setzen.


Nach einem Monat in Queens war es endlich soweit. Wir folgten den Appalachen- Bergen nach Süden bis in die Great Smoky Mountains. Die Autonummer war abgelaufen und der alte Ford schwankte und ächzte verdächtig, aber das war uns egal. Wir waren unterwegs! Im Juni war es überall brütend heiss und wir konnten es kaum erwarten, endlich dem Missouri River nach Norden zu folgen. Wir reisten von Panne zu Panne durch den tiefen Süden. Die dauernden Pannen hatten den Vorteil, dass wir viele Leute kennenlernten. Wir wurden in einem Trailerpark von einem verarmten Hauswart aufgenommen, trafen ölverschmierte Mechaniker in Hinterhöfen, tranken lauwarmes Bier mit Hillbillies und waren tatsächlich auf den Blue Highways unterwegs. Irgendwie schafften wir es nach St.Louis, das Tor zum Westen, und fuhren plötzlich pannenlos durch South Dakota und Montana.


Im gelobten Blackfeet-Land von Montana trafen wir ein gerade rechtzeitig zu den North American Indian Days im Juli ein. Dieses Stammestreffen ist eines der grössten Pow Wows im Nordwesten der USA. Dort sass ich nun mit meinen Nikons und versuchte tanzende Indianer zu fotografieren. Mit meinem 500 mm Spiegeltele suchte ich in der Menge nach ausdruckstarken Gesichtern. Am besten war das Licht kurz vor Sonnenuntergang, wenn die letzten Sonnenstrahlen der untergehenden Sonne die am Grand Entry einmarschierenden Tänzer aufleuchten liess. In diesem ersten Sommer in Montana gelangen mir ein paar erste Bilder, die später klassische Motive wurden und in vielen Büchern, Kalender und Magazinen erschienen. Später in den neunziger Jahren, als wir tatsächlich als professionelle Reisefotografen unterwegs waren, wunderte ich mich, warum nur so wenige gute Bilder aus den anderthalb Jahren übrig blieben. Natürlich war es damals für mich schwer, überhaupt professionell zu arbeiten. Ich verpasste gute Bilder, weil ich nicht schnell genug war oder ausschlafen wollte. Manchmal war ich zu schüchtern um zu fotografieren oder kalkulierte die Schärfe falsch ein. Auf Dia-Film zu fotografieren ist nicht leicht. Der Dynamik-Umfang reicht gerade für eine Viertel- Blende und das bei 64 oder 50 ASA. Mehr war nicht drin, deshalb waren einige Bilder falsch belichtet. Man sah nicht, was man tat, denn erst, nachdem die Bilder aus dem Labor kamen, erkannte man die Fehler. Ich liess unterwegs die E6-Filme in lokalen Labors entwickeln und die Dias stapelten sich in einem Koffer. Schon damals suchte ich Redaktionen in den USA auf und zeigte meine Dias. Im Montana Magazine erschienen bereits 1987 Fotos von mir. Larry Dodge, der Postkarten-Verleger, publizierte einige meiner Bilder als Postkarten, die zum Teil heute noch im Handel sind.


Wir kampierten meistens im nahen Glacier National Park und durchstreiften den Park und die umliegenden Prärie- und Berglandschaften. Da unser Truck Camper in Kalifornien ausbrannte und wir dauernd nur Reparaturen hatten, kauften wir uns einen gebrauchten Chevy und reisten 1987 mit Auto und Zelt durch Amerika.


Den Sommer 1987 verbrachten wir wieder in Montana auf der Suche nach Indianermotiven. Highlight des Sommers war eine abenteuerliche Kanufahrt auf dem Missouri River auf den Spuren des Malers Karl Bodmer. Die Missouri Breaks waren und sind nur mit dem Boot erreichbar und sehen heute aus wie vor zweihundert Jahren, als Bodmer sie gemalt hatte.


Unsere lange Reise durch Amerika lehrte uns, dass man mit sehr wenig Komfort gut leben kann. Diese Erfahrung machen alle jungen Leute, die aufbrechen, die Welt zu entdecken und wir waren keine Ausnahme. Was uns von anderen jungen Abenteurern unterschied, war die Tatsache, dass wir ein Ziel hatten. Ich wollte mich mit meinen Fotos unabhängig machen und von meiner Indianer-Manie kurieren. Ganz nebenbei aber entdeckten wir die weiten Landschaften Amerikas und kamen nie mehr los davon.

Als wir im November 1987 von Boston aus nach Hause in die Schweiz flogen, blickten wir aus dem Flugzeug und sahen die Küste von Cape Cod unter uns langsam entschwinden. Dort wo Joel Meyerowitz seine Cape Light-Bilder gemacht hatte, wo Alfred Seiland mein Lieblingsfoto in Truro fotografierte und Edward Hooper zahlreiche Bilder schuf, entschwand Amerika unserem Zugriff. Wir waren auf dem Rückweg in den beruflichen Alltag, zu einem verflixten Eigenheim mit Kindern in St.Gallen, so dachten wir, denn noch liess sich mit meinen Fotos keine Karriere machen.

Nun waren wir also wieder in der Gallusstrasse 6, in unserer Dachwohnung gegenüber der Stiftskirche von St. Gallen. Regula und ich waren einer Depression nahe, schlurften zwei Tage lang durch die Gassen, während wir die Wohnung langsam in Betrieb nahmen. Mir wurde bewusst, wie dumm es war, ausgerechnet im November in die Schweiz zurückzukehren. Ein grauer Himmel hing über den Pflastersteinen und dem Asphalt der Altstadt. Die Glocken bimmelten in fast panischer Lautstärke, und in graue Mäntel gehüllte ältere Frauen bewegten sich wie Zombies in Richtung Kirche. Es war Sonntagmorgen und dann klingelte auch noch das Telefon. Als ich den Hörer abnahm, erklang die Stimme meiner Mutter. „Zeit, wieder an die Arbeit zu gehen. Schluss mit der Faulenzerei!“, waren ihre klaren Worte. Sie war sauer gewesen, als wir losgefahren waren und daran hatte sich anscheinend nichts geändert. Sie erwartete, dass ich gleich wieder bei meinem Vater im Betrieb anfangen würde. Ich sah die Arbeit bereits vor mir. Das Terminieren von Handwerkern, die Schinderei in der Bauleitung sowie der alte Kampf mit den Bauherren und Behörden.

Mit einem Koffer voller Dias konnte ich aber auch loslegen und alle meine alten Kontakte wieder angehen, also verlor ich keine Zeit und telefonierte gleich mit Peter Wassermann, dem Art Director vom Verlag Photographie in Schaffhausen. Peter wollte einige Fotos sehen und so kam es, dass der grossformatige „Landschaften 89“-Kalender seines Verlags mit meinen Fotos bebildert wurde. Im Photo Creativ Heft veröffentlichte Detlev Motz ein Portfolio mit meinen Indianerbildern. Meine Karriere als Reisefotograf hatte begonnen.


Natürlich sandte ich den Kalender gleich an verschiedene Verlage und Redaktionen. Der Harenberg-Verlag biss an und veröffentlichte mein erstes Buch, gestaltet von Franz Greno, in der Reihe der Bibliophilen Taschenbücher. Der Titel hiess „Auf der Suche nach Freiheit“ und zeigte ein Bild der Freiheitsstatue im Licht des Sonnenuntergangs. Dahinter schwebte ein ominöser Helikopter. Franz Greno meinte dazu: „Seltsam, das Buch heisst ‚Auf der Suche nach Freiheit’ und ich sehe etliche Fotos von Polizisten. Tatsächlich waren in diesem Buch bereits alle Widersprüche Amerikas enthalten.


Nun hatte ich also endlich mein erstes Buch und einen Kalender sowie weitere gute Portfolios im Photographie Magazin und Foto Creativ Magazin. Die Nikon Galerie in Zürich veranstaltete eine Ausstellung zum Thema Indianer mit Bildern von mir und zwei von mir vorgeschlagenen Kollegen: Eberhard Grames aus Deutschland, dessen Bilder ich immer bewundert hatte und John Running, einem Indianer-Fotografen aus USA, den ich in Arizona kennengelernt hatte. Bei der Vernissage traf ich mein Vorbild Eberhard Grames. Grames sagte nur: „Und was machst du ausser deine Bilder an die Wand zu hängen?“ Ich wusste keine Antwort und murmelte etwas von einem Buch über Indianer, das ich machen wollte. Ein Top-Indianer-Fotobuch war ja ein Ziel meiner USA-Reise gewesen. Grames brummte: „Von Büchern kann man nicht leben.” Dann verschwand er und tuschelte in einer Ecke mit Peter Wasserman. „So ein Arsch!“, schimpfte Regula, und ich stand wie ein begossener Pudel da und dachte zum ersten Mal, Fotografen können also auch Ärsche sein und begrub meine Achtung vor dem Bilderberg-Fotografen. Früher hatte ich immer grossen Respekt vor Profi-Fotografen gehabt und fühlte mich etwas unsicher.


Doch als ich noch mit Handwerkern in St. Gallen um Termine feilschte, rief Ursula Binder, die Bildredakteurin vom C.J. Bucher Verlag, an und sagte, Axel Schenck, der Verlagsleiter, wolle mich sehen. Also fuhr ich mit einer Dia-Auswahl nach München. Axel Schenck wollte wissen, was ich alles in Amerika fotografiert hatte, und schlug vor, noch einmal rüberzufliegen und die Bildlücken aufzufüllen. Ich hatte Florida bewusst weggelassen und einige der gängigsten Touristenattraktionen in jugendlichem Unwissen ausgeklammert. Schenck wollte, dass ich diese Lücken füllte und versprach einen großen USA-Bildband mit meinen Bildern. Es gab 21’000 DM, davon die Hälfte im Voraus und dann noch Geld für eine Coproduktion bei Bertelsmann. Ausserdem wollte er zwei kleine Bucher-Hefte über den Grand Canyon und den Yellowstone National Park veröffentlichen und mit jeweils 2’600 DM honorieren. Ich sagte natürlich sofort zu, rief Regula an und sagte ihr, sie solle die Koffer packen. Ich dachte, irgendwie passt das Honorar schon.

Wir planten, noch einmal für sechs Monate in den USA zu bleiben, flogen nach Washington DC und kauften in Maryland ein billiges Auto. Wieder ging es mit Zelt und Übernachtungen in billigen Motels durch Amerika. Da wir aber ziemlich pleite waren und die 12’000 DM niemals reichen würden, hatten wir mit dem Studenten-Reisebüro SSR vereinbart, eine Foto-Reise zu veranstalten. Wir mieteten einen Van in Great Falls Montana und reisten mit der Gruppe nach Las Vegas. Wir boten eine Kanu-Tour auf dem Missouri an, wohnten alle im Zelt und eben auch in Motels. Dann ging es mit einer zweiten Gruppe von Las Vegas nach Great Falls zurück. Diese Fotoreisen waren sehr erfolgreich und wir hatten sie ohne Probleme durchgestanden. Aber als wir nach Hause kamen, waren wir wieder pleite. Das Konto stand fast vor dem Zusammenbruch, bis der SSR unser Honorar bezahlte – für uns sagenhafte 11’000 Sfr! Endlich waren wir wieder flüssig.

Nach unserer Rückkehr reiste ich mit einem riesigen Metallkoffer voller Dias nach München und arbeitete dort drei Tage lang mit dem Verleger Axel Schenck an der Bildauswahl. Stundenlang beugten wir uns mit Lupen über die Kleinbild-Dias und schoben Bilder hin und her, bis wir mit dem Layout zufrieden waren. Es war ein tolles Gefühl, „live“ dabei zu sein, als mein erster grosser Bildband entstand. Axel Schenck war ein grosser Amerika-Fan und sehr zufrieden mit der Ausbeute. Der Band wurde mehrfach aufgelegt und erschien auch in Frankreich.


Dies war der Beginn meiner Karriere als erfolgreicher Reisefotograf und Veranstalter unserer Foto-Reisen, die wir seit 1989 regelmässig durchführen. Wir waren nun Profi-Fotografen auf wackeligen Beinen und hofften auf den grossen Durchbruch, der uns in eine finanziell unabhängige Zukunft führen sollte. Doch bis dahin sollten noch einige Jahre vergehen.

FORTSETZUNG FOLGT…!

 

Eine tolle Buchbesprechung über Christian Heebs neues Buch “Traumland – Dreissig Jahre in Amerika” gab es kürzlich im Onlinemagazin fotointern.ch!

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Christian Heeb gilt als einer der erfolgreichsten Reisefotografen der Welt. Er ist Bildautor von über 200 Bildbänden sowie unzähligen Kalendern und Magazinartikeln. Wenn er nicht gerade unterwegs ist um für einen neuen Bildband zu fotografieren, bietet er Fotoreisen und Workshops an. Hier können seine Angebote ausgewählt und gebucht werden: Fotoreisen und Workshops mit Regula & Christian Heeb

 

 

© Fotos: Christian Heeb

www.heebphoto.com
IG: christian_heeb_photographer
fb: christian heeb photography

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