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Reisen

Dempster Highway

Von Nordlichtern und wilden Wölfen: Auf dem Dempster Highway in den hohen Norden Kanadas

Die Wetterprognosen sind gut und der Kühlschrank in unserem Truck Camper frisch aufgefüllt. Einer Fahrt auf dem legendären Dempster Highway steht also nichts mehr im Wege. Über 700 km ungeteerte Strasse durchs Niemandsland sind es bis nach Inuvik – die „Metropole“ (ca. 3‘400 Einwohner) der Northwest Territories im hohen Norden Kanadas. Fünf Tage Staub, Schlaglöcher, unglaubliche Landschaften, Wildlife – und eine Autopanne mitten im Nirgendwo.

Die Sonne taucht die herbstliche Landschaft bereits in wunderschönes Abendlicht, als wir beim Campground des Tombstone Territorial Parks ankommen. Rasch macht sich bei uns Ernüchterung breit: dieses Mal haben wir zu hoch gepokert, alle Plätze sind bereits besetzt. Die schönen Herbstfarben scheinen die Besucher in Scharen hierhin zu locken – kein Wunder, mit seinen markanten Bergspitzen ist der Park auch wirklich eine Augenweide und ein Wanderparadies.

Wir hingegen müssen die Tombstone Mountains somit leider hinter uns lassen, da wildes Campieren erst nach der Parkgrenze erlaubt ist. Wir fahren also nochmals ungefähr 70km, bis wir ein hübsches Plätzchen finden. Wir werden von Schneehasen begrüsst, die mit ihren weissen Ohren und Pfoten trotz der bereits eintretenden Dunkelheit noch gut zu erkennen sind. Fotografieren ist dann aber wieder ein etwas anderes Thema – zu flink sind die Hoppler, zu wenig lichtstark mein 100-400er f/5.6 – 6.3 Objektiv…

Wir sind kaum fertig mit dem Abendessen, da bemerken wir plötzlich verdächtig helle Streifen am Himmel. Können das tatsächlich bereits Nordlichter sein, Anfangs September, noch unterhalb des Polarkreises? Und wie das Nordlichter sind! In einer Intensität, in der ich es noch nie zuvor sah! Wir erkennen sie problemlos von blossem Auge, meist grün, manchmal auch rötlich und violett.

Zeitweise weiss ich gar nicht mehr, wo hinschauen, geschweige denn, in welche Richtung fotografieren – sie tanzen einfach überall! Trotz der mittlerweile empfindlich kalten Temperaturen sind wir noch lange draussen – am fotografieren, staunen, geniessen. Was für eine verrückte erste Nacht auf dem Dempster!

Nach der unglaublichen Nordlicht-Show erwartet uns ein unglaublich kalter Morgen. Bodenfrost und Nebelfetzen verwandeln die Umgebung in eine Märchenwelt. Auch wenn mir die Finger fast abfrieren, bin ich noch vor dem Frühstück schon wieder draussen am fotografieren. Die Schneehasen, welche wir am Abend zuvor beobachten konnten, sind leider nicht mehr zu sehen. Aber ich weiss jetzt, weshalb sie bereits beginnen, ihr Winterfell anzuziehen…

Rund eine Stunde sind wir bereits gefahren, als wir bei ein einem schönen Strassenabschnitt einen Zwischenstopp einlegen. Beim Öffnen der Beifahrertür höre ich sofort ein verdächtiges Zischen. Je näher ich dem Hinterrad komme, desto unvermeidlicher die Tatsache: wir haben einen Platten eingefahren! Und dies am denkbar dümmsten Ort: rund 150km vor der einzigen „Ortschaft“ Eagle Plains (bestehend aus einem Motel, einer Tankstelle und einer Autogarage) und etwas über 200km nach Dawson City, wo wir auf den Dempster Highway eingebogen sind. Egal in welche Richtung wir weiter wollen, wechseln müssen wir das Rad sowieso – also an die Arbeit! Nach etwas mehr als einer Stunde und dem ein oder anderen Kraftwort ist es vollbracht und wir entscheiden uns, nach Eagle Plains weiter zu ziehen. Im Wissen, dass wir nun bei einer weiteren Panne keinen Ersatzreifen mehr hätten, fühlt sich die Weiterfahrt wie über rohe Eier an.

Richtig geniessen können wir die abwechslungsreiche Landschaft erst wieder mit dem frisch geflickten Reifen an Bord. Bald einmal überschreiten wir den Polarkreis, wenig später die Grenze vom Yukon in die Northwest Territories und schlussendlich stehen wir vor der Fähre, welche uns ins Mackenzie Delta bringt. War die Landschaft bisher eher von Bergzügen und Hochebenen geprägt, dominieren hier Tundrawälder und unzählige kleine Seen die Szenerie. Schnurrgerade führt der Highway durch diese Landschaft, und nur selten sehen wir am Horizont ein anderes Fahrzeug entgegen kommen.

Es ist bereits am Eindunkeln, als wir Inuvik, die grösste kanadische Stadt nördlich des Polarkreises, erreichen. Und in der Tat: nach den Tagen in der Einsamkeit kommt sie uns vor wie eine Metropole! Hier nutzen wir die Gelegenheit, Tank und Kühlschrank aufzufüllen, bevor wir den langen Rückweg antreten. Auch wenn wir die genau gleiche Strecke in umgekehrter Richtung fahren werden, freue ich mich sehr darauf. Langeweile ist hier definitiv fehl am Platz: das schnell wechselnde Wetter sorgt ebenso für Spannung wie die Möglichkeit, jederzeit ein Wildtier entdecken zu können. Die Tundra ist nämlich Heimat von Karibus, Elchen, Grizzlybären, unzähligen seltenen Vogelarten und Nagetieren. Besonders die emsigen Groundsquirrels sind derzeit ziemlich aktiv und zeigen sich wenig scheu immer wieder unmittelbar in Strassennähe.

Eine ganz besondere Begegnung ereignete sich am späteren Nachmittag des vierten Tages. Seit längerem sehe ich in der Ferne wieder einmal ein Auto entgegen kommen. Auf einmal registriert mein Auge weiter vorne eine Bewegung am Strassenrand. „Achtung, da sind Tiere“ sage ich. Kleiner als Elche oder Karibus, bewegen sich wie… Hunde? Es dauert einige Sekundenbruchteile, bis ich realisiere, dass uns hier tatsächlich zwei wildlebende Wölfe gegenüber stehen! Einer der beiden verschwinden sofort im herbstlich gelben Tundrawald. Der zweite scheint etwas neugieriger zu sein, bewegt sich im Schritttempo und bleibt keine 10 Meter (!) neben unserem Auto stehen. Spätestens, als er mir dann noch direkt in die Augen starrt, weiss ich: diesen Moment werde ich nie mehr vergessen!

An unserem letzten Abend auf dem Dempster werden wir nach einem wunderschönen Sonnenuntergang noch einmal mit Nordlichtern belohnt – was für ein krönender Abschluss dieser abenteuerlichen Tage. Was wir hier alles erleben durften, war jedes einzelne Schlagloch wert!

 

Mel Weber ist Mitte 30 und lebt im Grenzgebiet zwischen Berner Oberland und Emmental. Die imposanten Schweizer Alpen quasi vor der Haustür, ist sie oft in den heimischen Bergen, aber auch im nahen und fernen Ausland unterwegs – immer auf der Suche nach Wildtieren, spektakulären Landschaften und dem perfekten Licht. Seit  2017 ist sie im Nebenerwerb als selbständige Fotografin tätig und steuert regelmässig Gastbeiträge und Fotos in Fachzeitschriften bei. Unter www.tiefblicke.ch bloggt sie über ihre Streifzüge.

 

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© Fotos: Mel Weber

 

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