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Reisen

Finnland – Winterwunderland

Minus 30 Grad Celsius, es weht ein leichter Wind und um mich herum schwirren Eiskristalle des gefrorenen Wasserdampfes aus der Luft. Feine Plättchen mit dem typischen Eisstrukturmuster legen sich auf den Ästen der hiesigen Kiefern ab. Tonnenschwere, beinahe schon menschlich aussehende Kreaturen stehen gebeugt um mich herum. Bäume, mit massig beladenem Raureif. Es herrscht absolute Stille. Ausser dem Knirschen des Schnees unter den Schneeschuhen hört man nichts.

Es ist Anfang Januar. Ich befinde mich am Polarkreis in Finnisch Lappland, genauer, im Riisitunturi Nationalpark, nahe der Stadt Kuusamo, welche unter den Wintersportlern durchaus ein Begriff ist. Auch wenn ich mit Schneeschuhen den Hügel hinauf marschiere, mein Ziel ist aber nicht der Wintersport, sondern Fotos aus der fantastischen Winterlandschaft, welche mit einem eisigen Guss aus Schnee, Eis und Raureif überzogen ist.

Thomas Heitmar Finnland
Kerzenähnliche Figuren säumen den Weg unterwegs zum Gipfel.

Durch die tief stehende Sonne im Januar, entstehen wunderbare und faszinierende Bilder, welche zum Teil bereits surreal oder gar bizarr wirken. Doch Tageslicht gibt es hier am Polarkreis nur wenig im Januar. Sonnenaufgang ist um 10.30h und Sonnenuntergang bereits um 14.00h. Also wenig Zeit um gute Bilder zu schiessen. Und so ist es umso wichtiger die Gegend gut zu kennen und zu wissen, wo die Top Spots sind.

Atemberaubende Ausblicke im Riisitunturi Nationalpark

Thomas Heitmar Finnland
Teilweise wirken die Bilder unwirklich und surreal. Wie fremde Wesen stehen die Bäume auf dem Gipfel.

Der Riisitunturi-Nationalpark liegt auf dem Gemeindegebiet von Posio, in Finnisch-Lappland. Er wurde 1982 gegründet und erstreckt sich über 77 Quadratkilometer. Inmitten dieser ausgedehnten Taigawälder erheben sich einzelne Hügel, welche mit Fichten, Kiefern, Tannen und Lärchen besetzt sind. Die höchsten Gipfel erheben sich auf über 400 Meter über Meer. Die Hänge des Nationalparks sind wunderschön bewaldet und die kahlen Gipfel bieten atemberaubende Ausblicke über die Bäume, auf den Kitkajärvi-See und die dahinter liegenden Wälder. Kerzenähnliche Fichten säumen den Weg zum Gipfel. Über der Waldgrenze finden sich viele kleinere, aber auch grössere Solitäre, welche in ihrem dicken Panzer bizarre, teilweise auch schon menschenähnliche Gestalt annehmen.

Fremde Wesen aus einer anderen Welt

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Bis zu drei Tonnen Gewicht hängt an den Bäumen und versucht die statthaften Bäume unter der Last zu erdrücken.

Die Winter hier in Finnland sind oftmals trübe und das Land wird von einer durchgehenden Wolken- respektive Nebelschicht überzogen. Zusammen mit den tiefen Temperaturen sind dies aber gute Voraussetzungen für die Bildung von Raureif, denn dazu benötigt es eine hohe Luftfeuchtigkeit von über 90% und eine Lufttemperatur von unter minus 8 Grad Celsius. Beides wird hier erreicht. Durch den auf den Hügeln oftmals vorherrschenden Wind, wird die Bildung von Raureif zusätzlich noch begünstigt. Der Wind darf aber auch nicht allzu stark sein, da sonst die feinen Strukturen des Raureifes zerstört werden.

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Der grosse Wächter über die eisige Landschaft.

Raureif wächst gegen den Wind und dies in atemberaubender Geschwindigkeit. Es ist unglaublich und faszinierend zugleich, welche Massen diese Bäume tragen können. Immer wieder sehe ich neue Kreaturen, kleinere Bäume, welche sich unter der Last winden oder grössere Bäume, welche stolz und aufrecht in der verschneiten Landschaft stehen. Wie fremde Wesen aus einer anderen Welt stehen sie da. Verspielt und geformt durch den Wind. Die Szenerie wirkt teilweise surrealistisch und bizarr. Wo ich mich hinwende, überall gibt es neue Kompositionen zu bestaunen. Die schier endlose Weite dieser Taigawälder führt mich immer weiter hinein in dieses Winterwunderland.

Grosse Herausforderung für Mensch und Equipment

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Die unendliche Weite der Taiga Wälder bietet endlose Kompositionen an Figuren und Kreaturen.

Das Fotografieren in dieser rauen Umgebung stellt aber auch eine grosse Herausforderung für Mensch und Kamera dar. Es gibt nichts Schlimmeres für einen Fotografen, wenn das Equipment nicht optimal funktioniert. Seit vielen Jahren arbeite ich daher mit Kameras von Nikon und dies besonders auch bei diesen tiefen Temperaturen. Allgemein werden die Kameras von 0°C bis 40°C spezifiziert, doch meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass diese Top-Kameras auch bei wesentlich tieferen Temperaturen eingesetzt werden können. Natürlich sind Defizite erkennbar, so arbeitet die Elektronik deutlich langsamer und auch die Akkuleistung reduziert sich wesentlich. Doch gerade die Akkus von Nikon sind bekannt, dass sie auch bei solchen Einsätzen lange anhalten und eine lange Lebensdauer erreichen. Auf meinen Tagestouren durch den Nationalpark trage ich meine Reserve Akkus immer unter meiner Kleidung, um sie mit meiner Körperwärme warm zu halten, so ist garantiert, dass die Akkuladung erhalten bleibt.

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Ein wundervoller Ausblick über die Bäume an der Baumgrenze zum Kitkajärvi-See.

Eine gute Kleidung ist wesentlich für das positive Gelingen von derartigen Touren. Basis sind die Schuhe. Hier empfehle ich Winterstiefel mit einem herausnehmbaren Innenschuh, welche für den Einsatz bei Minusgraden von -60 °C bis zu -100°C spezifiziert werden. Es empfiehlt sich, den Innenschuh nach dem Gebrauch immer herauszunehmen und gut zu trocknen. Die Feuchtigkeit, welche sich im Schuh staut, würde beim nächsten Einsatz zu massiv kalten Füssen führen.

Thomas Heitmar Finnland
Aufrecht und stolz steht dieser Solitär im Hang.

Bei der Kleidung empfehle ich immer Schichten zu tragen. An den Beinen trage ich in der Regel drei Schichten. Lange Unterhosen aus Merino, eine dickere lange Funktionsunterhose, welche die Feuchtigkeit nach aussen transportiert und eine Snowboardhose, mit einer guten Isolation. Am Oberkörper sind es vier bis sechs Schichten je nach Temperatur. Die erste Schicht ist ein dünnes, Feuchtigkeit transportierendes Unterhemd, dann ein Merino Langarmhemd, ein dünnes Oberhemd, eine Fleecejacke und eine gute Winterjacke, welche über das Gesäss passt.

Natürlich dürfen eine gute Kopfbedeckung und Handschuhe nicht fehlen. Bei der Kopfbedeckung ist es ganz einfach. Hier verwende ich eine leichte Langlaufmütze und darüber eine Kunstfellmütze mit Ohrenklappen. Bei den Handschuhen wird es bereits etwas komplizierter. Als Fotograf ist es zwingend, dass man die Kamera auch bedienen kann. Das Tragen von Handschuhen ist da oftmals ein Hindernis, doch bei diesen Minusgraden definitiv ein Muss, da das Berühren der Kamera mit blossen Händen zu Erfrierungen führt. Kompromisse gibt es hier keine. Ich verwende daher immer einen dünnen Fingerhandschuh, um die Kamera einzustellen und einen etwas dickeren Fingerhandschuh darüber. Mit dieser Kombination kann ich wenigstens noch den Bildausschnitt wählen, fokussieren und den Auslöser betätigen. Um andere Einstellungen an den kleinen Knöpfen und Tasten vorzunehmen ist es aber zwingend, dass ich nur noch mit dem dünnen Fingerhandschuh arbeite.

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Dieser Solitär wirkt wie ein alter Mann, der mühevoll durch den tiefen Schnee stapft.

Was viele unterschätzen, ist der Energiehaushalt. Nicht nur die Akkus der Kamera machen bei diesen Temperaturen schneller schlapp, nein, auch unser Körper arbeitet auf Hochtouren. Es ist also äusserst wichtig, regelmässig zu essen und zu trinken. Sicher alle ein bis zwei Stunden sollte man etwas zu sich nehmen, ansonsten kühlt der Körper extrem schnell aus. Ich kann dies aus eigener Erfahrung nur empfehlen, denn wenn der Körper auskühlt, dann wird es sehr unangenehm und die Kraft und Leistung lässt massiv nach.

Weiter muss der Wind auch in die Temperaturbetrachtung mitaufgenommen werden. Zeigt das Thermometer minus 25 Grad an, dann sind dies bereits bei leichtem Wind unter minus 30 Grad. Bereits bei Windchill-Temperaturen von unter minus 28 Grad Celsius besteht innerhalb von 30 Minuten die Gefahr von Erfrierungen. Bei solchen Bedingungen muss zwingend auch eine Gesichtsmaske oder Sturmhaube getragen werden.

Fotografieren im Schnee

Thomas Heitmar Finnland
Durch die tiefstehende Sonne entstehen wunderbare Gegenlichtaufnahmen.

Beim Fotografieren im Schnee ist auf den Belichtungsmesser leider kein Verlass. Da die Umgebung durch den Schnee sehr hell ist, werden die Fotos in der Regel immer etwas zu dunkel aufgenommen. Mit einem Blick auf das Histogramm und einer Pluskorrektur kann man diesen Fehler aber gut beheben. Oftmals verwende ich eine Pluskorrektur von 0.3 bis 1.3 Lichtwerten, dabei beachte ich, dass mein Histogramm soweit rechts wie möglich steht, ohne dass das Bild überbelichtet wird. In meinen Fotoworkshops oder Fotoreisen erlebe ich es oft, dass Teilnehmer ihre Bilder bewusst zwei Drittel-Blendenstufen unterbelichtet aufnehmen und in der nachträglichen Bildbearbeitung die Belichtung hochziehen. Dies wurde ihnen von anderen Profifotografen oftmals so empfohlen. Davon rate ich aber grundsätzlich ab, da so erstens der Schnee eher etwas gräulich dargestellt wird und zweitens mit dem Hochziehen der Belichtung das Bildrauschen verstärkt wird und auch die Details verloren gehen. Dies zeigt sich speziell dann, wenn die Bilder gedruckt werden.

Thomas Heitmar Finnland
Die Sonne blickt an diesem Nachmittag noch ein letztes Mal durch die Wolkendecke.

Das Fotografieren in diesen Schneelandschaften hat für mich seinen ganz besonderen Reiz. Natürlich stehen in erster Linie die absolut genialen Fotografien, die auf einer solchen Tour entstehen. Wundersame Bilder, welche kaum zu toppen sind. Doch es ist auch ein tolles Naturerlebnis mit den Schneeschuhen durch diese endlosen Wälder zu streifen und immer wieder neue Kompositionen zu sehen. Beinahe schon meditativ – die Stille, die Kälte, Schritt für Schritt, Bild für Bild.

Thomas Heitmar Finnland
Die Schneeverwehungen ergeben wunderbare Führungslinien zum Motiv.

 

Thomas Heitmar (1967) ist fasziniert von Formen, Strukturen, Licht und Farben. Der Profifotograf beschäftigt sich mit klassischer Landschafts- und Naturfotografie, aber auch mit Architektur- und Reisefotografie. Seine Fotos erscheinen in Kalendern im eigenen Verlag, in Zeitschriften oder als grossformatige Fine Art Bilder für Private oder Geschäftskunden. Sein Wissen teilt Thomas gerne in Fotoworkshops und auf Fotoreisen.

 

www.thomasheitmar.ch
IG: thomas_heitmar_fotografie
fb: Thomas Heitmar Fotografie

© Fotos: Thomas Heitmar

 

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1 Kommentar

Meister Ernst April 4, 2019 at 7:24 am

Wow, bemerkenswerte Aufnahmen gratuliere zu diesen traumhaften Bildern.

Antwort

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