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Hoppla – plötzlich war ich Reisefotograf

Teil 1: Auf Umwegen zum professionellen Fotografen

Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn meine Eltern nicht darauf bestanden hätten, mich in die Flade-Klosterschule nach St.Gallen zu schicken. Als Ergebnis muss ich leider sagen: Religion und der Militärdienst mit Zucht und Ordnung haben mir die Schweiz versaut. Die Schule war sicherlich der Hauptgrund dafür, dass ich nach Amerika auswanderte. Oder es war vorherbestimmt oder die amerikanischen Filme, die meine Mutter so gerne sah, oder die Musik von Louis Armstrong, die meine Kindheit prägten, waren daran schuld. Eigentlich egal. Ich arbeite seit über dreissig Jahren als professioneller Reise-Fotograf, wohne seit zwanzig Jahren in Oregon und bin mehr als zufrieden.

“Es kommt wie es kommt”, sagte meine Mutter immer, wenn meine Lehrer mir mal wieder prophezeiten, dass ich es nie zu etwas bringen würde. “Ich kenne viele Leute, die waren auch nicht gut in der Schule und sind heute sehr erfolgreich.” Mein Vater schüttelte nur den Kopf. Sozialpädagogisch gesehen, waren das sicher keine weisen Worte, und ich sah auch keinen Grund, mich zu bessern, steckte meinen Kopf wieder in meine Indianerbücher und hörte Schallplatten. Eigentlich war mir in der Zeit, in der man mich zum guten Christenmenschen machen wollte, also in der siebten bis neunten Stufe, alles komplett egal, und die Schweiz ging mir besonders auf den Geist. Schade eigentlich, denn heute sehe ich das Land sehr positiv. Kein Wunder, vor meiner Tür beginnt “Trumpistan“.

Die Fotografie, die Reisen und meine Frau Regula haben mich gerettet. Es wurde doch noch etwas aus mir. Zumindest aus meiner Sicht, denn ich habe all das verwirklicht, was ich wollte. Freiheit! Leben in der Natur und ein ungebundenes Leben ohne Kinder, Haustiere und Topfpflanzen.

In der Rekrutenschule merkte ich bereits, dass eine Kamera grosse Macht ausübt, wenn man sie richtig einsetzt. Der Sappeur Heeb hatte immer eine Kamera dabei, und man merkte, dass er fotografieren konnte. Herr Hauptmann wollte gute Bilder von sich, wie er stramm und stolz die Parade abnahm, und schon musste ich nicht mehr mit marschieren. So ging es mir auch bei Hochzeiten, während der man sich gut hinter der Kamera verstecken konnte. Da musste man nicht mit der Cousine tanzen, denn man war ja zum Fotografieren da. Und zudem wurde man oft noch bezahlt dafür, dass man fotografierte.

Das erste Bild, das ich bewusst fotografierte, war eines meiner ersten Freundin. Die hiess Collette und war unsere Hündin mit der fatalen genetischen Mischung von Appenzeller Bless und snobistischem Chow Chow. Die Hündin war in meiner Jugend immer dabei. Ich stellte sie auf einen Dreckhaufen gegen den blauen Himmel und fotografierte sie mit der Kodak-Brownie-Kamera meiner Mutter. Danach gab es eine Konika zu Weihnachten, aber richtig los ging es erst in der Lehre, als ich die Nikon F meines Vaters in die Hand bekam. Mein Vater hatte diese teure Kamera gekauft, weil der Fotohändler der Meinung gewesen war, ein Architekt hätte viel Geld, also verkaufe ich ihm die teuerste Kamera, die ich habe. Eine gute Idee, denn so startete ich meine Karriere mit gutem Material.

Während der Lehre zum Hochbauzeichner war ich dauernd am Fotografieren. Mir war damals schon klar, dass ich einmal nach Amerika gehen und Indianer und Landschaften fotografieren würde. In der Zeitschrift Photographie und im alten Foto mein Hobby Magazin wurden bereits zwei Portfolios mit meinen Bildern publiziert, und so hatte ich viel Hoffnung, aber kein Geld.

Die vielen Vater Unser und Ave Marias in der Zwangs-Kirche halfen anscheinend doch, denn ich gewann gleich beim ersten Foto-Wettbewerb an dem ich teilnahm, eine Nikon F3 mit drei Objektiven im Wert von 5000 Sfr. Das war sozusagen Stammkapital für die Heebsche Fotografen-Laufbahn.

Anfang der achtziger Jahre plante ich meine “Flucht aus der Schweiz”. Ich schloss meine Lehre als Zeichner ab und arbeitete weiter als Bauleiter bei meinem Vater im Büro von Heeb und Wicki Architekten in St. Gallen. Mittlerweile war ich bei der Bild-Agentur Transglobe in Hamburg untergekommen und versuchte einen Verlag zu finden für ein Buch über das gerade politisch im Mittelpunkt stehende Rothenthurmer Hochmoor. Dort wollte man einen Waffenplatz bauen, und die Naturschützer waren dagegen. Aus dem Buch wurde nichts, als der Verlag, der zuerst zusagte, Insolvenz anmelden musste, aber Transglobe sandte Geld, was für mich erstaunlich war. “Man kann also tatsächlich mit Fotos Geld verdienen“, dachte ich und fühlte mich in meinen Plänen bestätigt.

Mittlerweile war ich mit Regula zusammen, die noch in der Ausbildung zur Hochbauzeichnerin war, sodass ich meine Reise nach Amerika auf den Mai 1986 verschob.

Die Zeitschrift Photographie publizierte meine Peter-Serie. Eine lose Folge von Porträts eines jungen Musikers aus der Ostschweiz. Peter fotografierte ich in einer schrillen und bunten Neon-Welt, umgeben von Elektronik und moderner seelenloser Architektur. Die Serie wollte ich über Jahre verfolgen.
Die Resonanz war gut, und ich wurde jahrelang von Leuten darauf angesprochen. Irgendwie blieben die Bilder in den Köpfen der Leute hängen. In unserem Haus an der Gallustrasse 6 gegenüber der Klosterkirche startete ich die Treppengalerie. Eine Foto-und-Kunst-Galerie im Treppenhaus. Mein Vater hatte das Haus vor Jahren gekauft und 1984 renoviert. Ich war Bauleiter und an der Planung beteiligt. Unsere spontane Galerie machte viel Spass und die Vernissagen waren meist laute Partys ohne grosse Verkäufe. Die Galerie-Idee sollte sich dann Jahre später in Bend, Oregon, wiederholen, wo wir die in St. Gallen abgebrochene Idee für ein Foto-Zentrum realisierten.


Was mich im Rückblick erstaunt, ist meine Kühnheit, mich damals ohne jede fotografische Ausbildung Fotograf zu nennen. Einzig in der Gewerbeschule besuchte ich kurz den Fotokurs von Andreas Hilty. Andreas sass da hinter seinem Tisch und fragte die Klasse: „Was wollt ihr denn lernen?“ Wir sagten: „Glasflaschen fotografieren“, und er antwortete: „Das ist zu schwierig für euch.“ Also entschieden wir uns für Nachtaufnahmen, und er schickte uns mit den Worten raus: „Macht was!“ An mehr erinnere ich mich nicht, ausser dass ich zum ersten Mal das Stativ meines Vater benutzte und lernte, wie wichtig die Dinger sind. Andreas wurde später Lehrer an der Fotoschule in Vevey, und ich frage mich heute noch, wie das geschehen konnte.


Das Velbon-Stativ meines Vaters kam mit nach Amerika und irgendwo in Kalifornien bekam ich dermassen einen Wutanfall, dass ich das verflixte Teil in einen Mülleimer warf und mir ein neues Stativ kaufte. Seither schaue ich mir bei meinen Workshop-Teilnehmern immer zuerst das Stativ an. Wenn die nur so ein billiges Plastik-Teil dabei haben, werden Sie eines Besseren belehrt. Ein schlechtes Stativ versaut das ganze Bild – da kann die Kamera noch so gut sein.

Ich verkaufte mich weiter als Fotograf, schickte Bilder an Fotomagazine, startete eine neue Serie mit Mädchen-Porträts und versuchte mich in der Mode-Fotografie. Ich kleidete mich im Stil der achtziger Jahre und machte auf cool. Kameras sind für Frauen wie Rock-Gitarren, nämlich unwiderstehlich.

Ich glaube, es gab kaum eine Frau die nein sagte, wenn man sie fragte, ob man sie fotografieren durfte.

Die Serie In Godevils House stellte ich in Zürich und St.Gallen aus, und Photographie publizierte ein Titelbild dazu. Die Bilder entstanden in einer alten Villa am Rosenberg in St.Gallen, in der mein Freund, der Künstler Felix Stoffel alias Godevil, mit seine Freundin hauste. Es zeigte sich aber, dass ich nicht der richtige Mann für Mode-Fotografie war, das übertriebene Konsum-und-Szenen-Gehabe ging mir auf die Nerven. Die Bilder der Serie liegen heute in meinem Archiv, gaben damals aber bereits einen Vorgeschmack auf meine American Dreamscapes, die ich dreissig Jahre später in Amerika fotografieren sollte. Was damals mit Diaprojektor ausgeleuchtet und auf Fuji-Velvia-Dia-Film fotografiert wurde, hatte Ähnlichkeiten mit den Dreamscapes, die mit bis zu acht Blitzgeräten ausgeleuchtet wurden.


Mir wurde bald bewusst, dass man Bilder braucht, wenn man als Fotograf erfolgreich sein will. Ich fotografierte ein paar Hochzeiten und arbeitete an weiteren Projekten, ohne so richtig zu wissen, wohin ich wollte. Nebenbei arbeitete ich in der Bauleitung im Heeb-Betrieb, um Geld zu verdienen.

Um etwas anbieten zu können, brauchte ich Material. Die Peter-Serie und In Godevils House waren Arbeiten, die für mich persönlich wichtig waren und mir volle kreative Freiheit ließen. Meine Reisebilder aus Myconos, die 1981 in der Zeitschrift Foto mein Hobby publiziert wurden, waren klassische Reisefotos. In den USA wollte ich Indianer und Landschaften fotografieren, und damit war die Richtung klar: Ich würde Reisefotos in Amerika aufnehmen und statt den Musiker Peter nun Indianer fotografieren. Erst sehr viel später wurde die Verbindung dieser zwei fotografischen Welten in dem American Dreamscapes-Foto Princess wieder hergestellt. Dort steht die Indianerin Acosia Red Elk in voller Pow-Wow-Kleidung nachts auf einem Schrottplatz und wird von Blitzlicht ausgeleuchtet wie in der alten Godevil Serie.


Zuerst aber kam die grosse Reise durch Nordamerika, die vom Mai 1986 bis zum November 1987 dauern sollte. Damals war es für mich kaum vorstellbar, wie sehr diese Reise Regulas und mein Leben beeinflussen sollte. Sie markierte den Beginn einer langen Karriere als Amerika- und Reise-Fotograf und eines Lebens weit entfernt von der grauen Konformität St.Gallens. Als wir losfuhren, dachten wir, dass wir uns nach der Reise eine Wohnung, Kinder haben und als Architekten arbeiten würden. Wir kamen zurück als Fotografen.

FORTSETZUNG FOLGT…!

 

 

Christian Heeb gilt als einer der erfolgreichsten Reisefotografen der Welt. Er ist Bildautor von über 200 Bildbänden sowie unzähligen Kalendern und Magazinartikeln. Wenn er nicht gerade unterwegs ist um für einen neuen Bildband zu fotografieren, bietet er Fotoreisen und Workshops an. Hier können seine Angebote ausgewählt und gebucht werden: Fotoreisen und Workshops mit Regula & Christian Heeb

 

 

© Fotos: Christian Heeb

www.heebphoto.com
IG: christian_heeb_photographer
fb: christian heeb photography

 

 

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