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Fotografen und Anstand
Story

Fotografen und der verloren gegangene Anstand

Nun, die Aufnahme gehört jetzt nicht unbedingt zu den Topbildern dieses Winters. Es ist jedoch aufgrund der vorhandenen Möglichkeiten und Voraussetzungen ein solides Bild und ich kann es bestimmt für diverse Zwecke verwenden. Aber das Foto steht auch nicht im Mittelpunkt, sondern die Geschichte dahinter!

Noch in der Dunkelheit erreichte ich zusammen mit meinem Kollegen Roland Moser den Parkplatz auf dem Gurnigelpass. Das Motiv war schnell gefunden, wir stellten unsere Stative am Strassenrand auf und als es langsam heller wurde, begannen wir mit unserer Arbeit. Nach und nach füllte sich der Parkplatz und Wintersportler sowie einige Fotografen stiegen aus ihren Autos. Als ein Kleinbus mit ca. 10 Fotografen eintraf, ahnte ich nichts Gutes. Während wir unsere Fotos schossen, spazierte einer von ihnen seelenruhig vor uns durch und hinterliess seine Fussabdrücke im Schnee. Da wir in unsere Arbeit vertieft waren, merkten wir es erst, als es schon zu spät war. Innerlich fluchte ich über die Ignoranz dieses Menschen und ärgerte mich über die bevorstehende Mehrarbeit am Computer. Die übrigen Fotografen verteilten sich in der näheren Umgebung – mal neben uns und mal hinter uns machten sie ihre Aufnahmen. Manchmal stand mir einer weit entfernt im Bild, dann wartete ich halt geduldig – er wusste ja nicht, dass ich mit dem Weitwinkelobjektiv fotografierte. Schliesslich machte sich wieder einer daran, auf der Loipe vor uns durch den Schnee zu schreiten. Mein Kollege ging auf ihn zu und fragte ihn höflich, ob er nicht hinter uns durchgehen könnte. Er verstand nicht warum und argumentierte, da wären doch schon Fussspuren, die Landschaft gehöre allen und wir hätten halt früher hier sein sollen! Erst nach nochmaliger dringender Bitte verliess er laut protestierend den Weg.

Die „guten alten Zeiten“ in denen ich praktisch immer alleine an einem Fotospot war und bekannte und unbekannte Motive aufnahm, sind vorbei – das weiss ich und das wird auch nicht mehr wiederkommen. Eigentlich ist es ja positiv, dass die Fotografie einen solchen Boom erlebt und die Menschen wieder öfters nach draussen in die Natur gehen. Daran habe ich auch nichts auszusetzen. Was mich stört ist, dass je länger je mehr jeglicher Anstand verloren geht. Für mich gilt nach wie vor die Grundregel, dass man einen anderen Fotografen bei seiner Arbeit nicht behindert und ihm nicht sein Bild “zerstört”. Es ist leider nicht das erste Mal, dass ich erlebe, dass diese Grundregel ignoriert wird und die Häufgkeit nimmt meiner Erfahrung nach zu.

Dass Bilder 1:1 kopiert werden oder ein Motiv, kaum wird es in den sozialen Medien gepostet, „zu Tode fotografiert“ wird – daran habe ich mich gewöhnt. Dass es bei 80 Millionen täglich geposteter Bilder auf Instagram langsam eng wird an den bekannten Fotospots ist mir auch klar. Aber bei all dieser Entwicklung hoffe ich, dass der Umgang miteinander von gegenseitigem Respekt geprägt bleibt.

© Foto: Andreas Gerth

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4 Kommentare

Cornelia Dörr Januar 21, 2019 at 9:45 am

Lieber Andreas,
du sprichst mir von der Seele. Es ist leider eine Ignoranz unter manchen Fotografen, die schreit schon zum Himmel. Das, was du beschreibst, habe ich auch schon öfters an einigen Hotspots erlebt. Meistens recht junge Fotografen, die absolut keinen Respekt mehr haben. Um sich nicht jedes Mal zu ärgern, hilft es nur, diese sogenannten Hotspots einfach nicht mehr aufzusuchen, was an manchen Stellen (gebe ich zu) recht schwierig ist.
Wünsche dir weiterhin viel Erfolg und schöne Motive für 2019. Auch abseits der Hotspots gibt es bestimmt viel Neues zu entdecken.
Herzliche Grüße
Conny

Antwort
Redaktion Januar 21, 2019 at 10:11 am

Liebe Conny,
vielen Dank – ich bin froh, dass ich nicht alleine dastehe mit dem Gefühl, dass der Respekt unter den Fotografen abnimmt. Ich versuche schon, immer wieder neue Orte zu finden – aber wie Du ja weisst, verlangen gewisse Verlage nach diesen Hotspots…
Herzliche Grüsse und auch Dir viel Erfolg und gute Bilder im 2019
Andreas

Antwort
Immoos Ruedi Januar 26, 2019 at 1:20 pm

Hallo Andreas, alles auch schon erlebt und noch schlimmer. Du bist wirklich nicht alleine. Uns haben schon zwei asiatische Fotografen an einem Spot mit wenig Möglichkeiten für gute Kamerapositionen, nachdem sie eine kurze Zeit gewartet hatten, ihre Stative ganz frech direkt seitlich vor uns platziert, obwohl wir uns als erste auch schon bei Dunkelheit eingerichtet hatten. “Sorry, but we don’t mess around as much as you do!” Das war die Antwort auf unsere Reklamation! Was willst du machen? Zum Glück bin ich im Alter gelassener geworden. Egoismus und Gier halt überall, auch bei gewissen “Fotografen”. Zum Glück ist es reines Hobby und man findet mit einigem Aufwand so viele schöne neue Plätze! Und das ist ja auch spannend.
LG Ruedi Immoos

Antwort
Redaktion Januar 26, 2019 at 3:45 pm

Lieber Ruedi,
wenn man wie ich mit der Fotografie den Lebenunterhalt verdienen muss, ist es doppelt mühsam. Ich frage mich oft, wie es wäre, wenn ich diese Menschen bei ihrem “Brötchenjob” behindern würde…
Herzliche Grüsse Andreas

Antwort

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