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Java – Insel der Vulkane

Indonesien besteht aus mehr als 17’500 Inseln. Eine davon ist Java – mit einer Breite von 200 Kilometern und einer Länge von gut 1’000 Kilometern nicht die grösste, aber die bevölkerungsreichste. Auf 132’000 Quadratkilometern leben mehr als 120 Millionen Menschen; damit ist Java eine der am dichtesten besiedelten Regionen der Welt. Dies ist umso erstaunlicher, weil es auf Java auch 35 hoch aktive, kaum berechenbare Vulkane gibt. Der Gegensatz zwischen archaischen Urlandschaften und den seit Jahrhunderten gepflegten Reisfeldern macht den besonderen Reiz dieser Insel aus.

Nachdem ich die Einreiseformalitäten am Flughafen von Jakarta erledigt habe, halte ich Ausschau nach meinem Reisebegleiter Andi. Ein jüngerer Mann, der ein Schild mit meinem Namen schwenkt – das muss er sein! Wir stellen schnell fest, dass wir gut miteinander harmonieren. Er ist ein erfahrener Vulkanologe, der mich, als einzigen Teilnehmer einer Fotoreise, zu spektakulären Landschaften führen wird. Gleichzeitig ist er auch an Fotografie interessiert und hofft, von mir Tipps zu bekommen.

Erstes Ziel ist die Westküste. Ich bin froh, nicht selber fahren zu müssen, denn der Verkehr ist chaotisch. Unterwegs halten wir bei einer vulkanologischen Station und Andi erkundigt sich nach der Aktivität des Kraters, den wir am nächsten Tag besuchen werden. Er sei in letzter Zeit ruhig, erfahren wir, was Balsam ist für meine doch etwas angespannten Nerven.

Anak Krakatau

Am nächsten Tag organisiert Andi ein Boot samt Bootsführer, Koch und Gehilfen. Zusammen fahren wir zur Inselgruppe Pulau Krakatau. Je näher wir kommen, umso stärker beschleicht mich ein mulmiges Gefühl, denn der Name Krakatau beinhaltet eine unheilvolle Geschichte: Der Ausbruch am 27. August 1887 war einer der schlimmsten der letzten Jahrhunderte. 20 Stunden lang schleuderte der Vulkan fast ununterbrochen Lava in die Höhe. Nachdem die Magmakammern leer waren, brach der Meeresboden ein, der Krakatau stürzte wie ein Kartenhaus in sich zusammen und riss zwei Drittel der Vulkaninsel in die Tiefe. Durch Gasexplosionen wurden riesige Flutwellen aufgebaut, die in weniger als einer halben Stunde die Küste Javas erreichten, noch 25 Kilometer landeinwärts alles zerstörten und über 36’000 Menschenleben forderten. Wo einst eine blühende Tropeninsel aus dem Meer ragte, dehnte sich nach diesem Knall eine Lagune aus, eingerahmt von den Resten des ursprünglichen Vulkans. Ausgelöst durch einen erneuten Vulkanausbruch, tauchte 1927 eine Insel in der Lagune auf: Anak Krakatau, das Kind des Krakatau. Der neue, heute bereits 450 Meter hohe Sprössling macht seinem Namen alle Ehre, dampft er doch aus zwei Kratern ständig vor sich hin und bricht in unregelmässigen Zeitabständen aus, zuletzt im November 2010.

Nach gut zwei Stunden erreichen wir die Lagune und umrunden zuerst den Anak Krakatau. Nur eine Dampfwolke steigt vom Gipfel empor. Auf seiner Ostseite, wo ein kleiner Wald wächst, gehen wir an Land und stellen unser Zeltlager auf. Danach wandern wir zum Krater hinauf. Es ist recht anstrengend, da man im feinen Sand immer gut die Hälfte des eben gemachten Schrittes zurückrutscht. Auf halber Höhe erreichen wir einen Bereich mit zahlreichen Fumarolen, aus denen beissender Schwefeldampf austritt. Rund um diese Öffnungen haben sich kreisförmige Ablagerungen gebildet, welche einen sehr fotogenen Vordergrund abgeben. Während ich für einige Zeit mit Fotografieren beschäftigt bin, kämpft sich Andi zum Gipfel empor. Nach seiner Rückkehr berichtet er, dass es im Kraterinnern aus vier Stellen dampft, die Schlote aber verstopft seien. Bei genügend grossem Druck kann die Lava aber jederzeit wieder ausbrechen.

Zurück im Lager erkunde ich die nähere Umgebung. Am Strand entdecke ich reizvolle Fotomotive: Bleiche, ausgewaschene Baumstämme und Wurzeln liegen halb im Wasser, halb auf dem schwarzen Lavasand. Zusammen mit der Nachbarinsel im Hintergrund lassen sich interessante Kompositionen gestalten. Während dem Nachtessen tauchen Molitors auf, insgesamt sieben Stück. Molitor heissen hier bis zu zwei Meter lange Echsen. Sie sehen zwar gefährlich aus, sind aber harmlose Allesfresser und stürzen sich auf die Küchenabfälle. Unser Essen scheint ihnen geschmeckt zu haben, denn in der Nacht stürmen sie die gut gesicherte Campingküche, fressen alles, was sie erwischen können und hinterlassen eine riesige Sauerei. Es dauert einige Zeit, bis wir das Lager gesäubert haben, danach fahren wir zurück zum Festland.

Papandayan

Am nächsten Tag verlassen wir die Westküste und nach einer neunstündigen Fahrt über Jakarta und Bandung kommen wir nach Cisurupan, einem kleinen Ort am Fuss des Vulkans Cikuray. Unser Ziel ist aber nicht der Cikuray, sondern der 2’665 Meter hohe Papandayan. Dort wollen wir zu den aktiven Kratern hinauf, die sich auf 2’200 Metern Höhe befinden. Zuerst geht es mit dem Auto auf einer holprigen Piste steil bergan zu einem Parkplatz. Dort gesellt sich ein lokaler Führer zu uns. Er lotst uns in blossen Sandalen auf einem kaum erkennbaren Pfad an blubbernden Schlammlöchern vorbei durch eine wahre Mondlandschaft.

Bald gelangen wir zum Kawah Mas, dem “Goldenen Krater”. Seinen Namen verdient er zu Recht, denn es handelt sich um ein riesiges Schwefelfeld, auf dem es nur so von Fumarolen wimmelt, an denen sich meterhohe gelbe Skulpturen ablagern. Der Geruch beisst kräftig in der Nase und für Nahaufnahmen gilt es, eine günstige Windrichtung abzuwarten.

Nachdem wir das Schwefelfeld vorsichtig durchquert haben, erreichen wir einen Kratersee, dessen Farbe dauernd wechselt. An diesem Tag leuchtet er in einem giftigen Grün. Der See bildete sich nach dem letzten Ausbruch des Papandayan im November 2002. Damals zerstörte ein heftiger Aschesturm auch einen Wald, dessen verkohlten Überreste wir auf dem Rückweg passieren.

Umgebung von Yogyakarta

Für die Weiterreise benutzen Andi und ich die Eisenbahn. Die Klimaanlage läuft offenbar auf höchster Stufe, denn wir kommen völlig unterkühlt in Yogyakarta an. Die bewegte Vergangenheit der alten Sultanstadt ist allgegenwärtig und auch heute noch ist sie das geistige und kulturelle Zentrum von Java. Andi lebt und arbeitet hier und am Abend zeigt er mir einige Sehenswürdigkeiten seiner engeren Heimat. Am nächsten Morgen geht es schon um vier Uhr los. Wir fahren zu einer Hotelanlage etwas ausserhalb der Stadt. Sie befindet sich neben der Tempelanlage Borobudur, dem grössten buddhistischen Baudenkmal der Welt. Da dieses Hotel einen eigenen Zugang zum Tempel hat und Andi den Hotelmanager kennt, können wir schon vor Sonnenaufgang in die Anlage. Bedauerlicherweise ist der oberste Komplex, wo sich der beste Fotostandort befindet, gesperrt.

Unser nächstes Ziel ist ein kleines Dorf in grandioser Umgebung. Ein Kollege von Andi, der hier wohnt, unternimmt mit uns eine Wanderung durch eine Reisterrassenlandschaft. Unterwegs kann ich verschiedene Stadien des Reisanbaus fotografieren: Ein Bauer pflügt mit seinem Wasserbüffel ein Feld, an einer anderen Stelle setzt eine Familie junge Reispflanzen und im Dorf selbst sortieren ältere Frauen getrockneten Reis. Auf der Rückfahrt besuchen wir mehrere Wasserfälle. Besonders gut gefällt mir der Junog-Wasserfall. Er ist zwar nicht der imposanteste, macht dies aber wett durch seine idyllische Lage in einem Wald mit meterhohen Farnbäumen.

Bromo

Um Zeit zu sparen, fliegen Andi und ich von Yogyakarta in den Osten der Insel nach Surubaya. Von dort geht es in einem offenen Jeep zur Caldera des Bromo-Tengger-Semeru-Nationalparks. Dieser Einbruchkessel bildete sich vor Jahrmillionen und ist mit einer Ausdehnung von 8 x 10 Kilometern weltweit einer der grössten. Im Zentrum entstanden im Laufe der Zeit sieben jüngere Vulkane, von denen der 2’329 Meter hohe Bromo der bekanneste ist. Als wir den Rand der Hochebene erreichen, sehen wir eine Rauchsäule über dem Bromo aufsteigen. Im Dezember 2010 schleuderte er Lava in die Luft und spuckt seither ohne Unterbrechung Asche. Nach Andis Einschätzung ist er zurzeit nicht gefährlich, da er dauernd Druck ablässt. Ausgerüstet mit Helm und Schutzmasken steigen wir zum Gipfel empor. Mit Herzklopfen schaue ich in den Kraterschlund, wo es heftig poltert und rumort. Ab und zu werden neue Aschewolken empor geschleudert. Dann gilt es sofort die Kamera vor dem feinen Staub zu schützen.

Wir übernachten in einem Dorf am Rand der Caldera. Morgens um halb drei Uhr bringt uns ein Jeep zur ersten Beobachtungsplattform. Danach wandern wir eine Stunde steil bergauf zum oberen Aussichtspunkt. Es ist noch dunkel, als wir uns einen geeigneten Fotostandort suchen. Dann beginnt das Schauspiel. Über der Caldera liegt Morgennebel, der Vulkan Bromo spuckt wieder Asche und die Wolken färben sich langsam rötlich. Als dann die Sonne aufgeht, wird die Landschaft noch fantastischer. Dieser Anblick ist einer der Gründe für meine Reise und ich bin froh, dass das Wetter mitspielt.

Auf der Rückfahrt ins Tiefland machen wir noch einen Abstecher zum Madakaripura-Wasserfall. Ein abenteuerlicher Pfad, bei dem wir auch ein paar Mal den Fluss überqueren und unter einem Wasserschleier hindurch müssen, bringt uns zum kesselartigen Ende der Schlucht, wo mehrere Wasserfälle herabstürzen. Das Fotografieren wird nun zur Schwerarbeit. Obwohl mich Andi mit einem Regenschirm vor den Wassertropfen schützt, kämpfe ich andauernd gegen die Feuchtigkeit. Kaum habe ich mit einem Lappen das Objektiv und den Filter gereinigt, ist die Linse schon wieder mit feinsten Tröpfchen beschlagen.

Ijen

Vom traumhaft inmitten von Reisfeldern gelegenen Hotel bei Licin brechen wir um ein Uhr morgens auf zum letzten Höhepunkt dieser Reise, dem Ijen Vulkan. Wir sind deshalb so früh unterwegs, weil mir Andi ein besonderes Spektakel zeigen möchte. Zuerst bringt uns ein Jeep auf einer ruppigen Piste bis knapp unter den Kraterrand. Dort geht es zu Fuss weiter, zuerst ganz hinauf, dann im Kraterinnern wieder hinunter. Um vier Uhr sind wir am Ziel und jetzt ist auch der Grund für Andis frühen Aufbruch zu erkennen: Blaue Flammen von brennendem Schwefelgas, das an dieser Stelle aus dem Berg tritt, züngeln am Boden – ein gespenstischer Anblick.

Als es dämmert, klettern wir ganz hinunter zum Kratersee, der mit einem ph-Wert von unter 0,5 sehr sauer ist. Es wundert nicht, dass die Finger, wenn man sie ins Wasser hält, nach einer Weile anfangen zu kribbeln. Die gelblichen Nebelschwaden über dem azurblauen Wasser ergeben tolle Lichtstimmungen, die sich laufend verändern und die ich mit der Kamera einzufangen versuche.

Inzwischen haben die Schwefelarbeiter mit ihrer Arbeit begonnen. Eine Gruppe zerkleinert Schwefelplatten, andere beladen sich mit zwei Körben und machen sich daran, die 50 Kilogramm schwere Last den steilen Pfad empor zu tragen. Der beissende Schwefeldampf erschwert die Arbeit noch zusätzlich und so erstaunt es nicht, dass die Lebenserwartung dieser Männer weniger als 50 Jahre beträgt.

Wir machen uns auch auf den Rückweg und begegnen oben am Kraterrand einer Gruppe von Touristen mit langen Gesichtern. Sie sind ein paar Stunden nach uns gestartet und blicken nun auf einen mit Nebel gefüllten Krater, dessen farbiger See nicht mehr zu sehen ist.

Ein weiteres Mal bin ich dank Andis Erfahrung zu einem eindrücklichen Erlebnis gekommen. Äusserst zufrieden verabschiede ich mich von ihm und bin sicher, mit ihm in naher Zukunft weitere Inseln Indonesiens kennen zu lernen.

 

Roland Gerth gehört zu den erfolgreichsten Landschafts- und Reisefotografen der Schweiz. Er fotografierte schon 35 Bildbände und über 200 Autorenkalender.

Für die Zeitschrift NATURFOTO verfasst er regelmässig Reiseberichte: www.naturfoto-magazin.de

 

www.rolandgerth.ch
IG: roland.gerth
fb: Roland-Gerth-Photography

© Fotos: Roland Gerth

 

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