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Vier Nationalparks im Reich der Mitte

China verfügt in praktisch allen Regionen des Riesenreichs über Nationalparks – mittlerweile ist deren Zahl auf nahezu 200 angewachsen. Vier Nationalparks im Reich der Mitte möchte ich vorstellen und gleichzeitig aufzeigen, mit welchen Eigentümlichkeiten man als Reisender und Fotograf in China zu rechnen hat.

Wer in Chinas Nationalparks unberührte, menschenleere Landschaften erwartet, wird enttäuscht sein. Einige davon sind wahre Touristenmagnete und locken alljährlich Millionen von Besuchern an. Für Fotografen, welche die spektakulären Landschaften möglichst menschenleer abbilden möchten, kann dies zu einer echten Herausforderung werden. Denn die chinesische Mittelschicht reist sehr gerne und vorzugsweise in Gruppen. Die folgenden vier Nationalparks sind beliebte Reiseziele und daher ist dort der Besucherandrang sehr gross.

Eine weitere Besonderheit der Nationalparks sind die oft kilometerlangen Wege aus Holzplanken oder Steintreppen, die man nicht verlassen darf. Wer sich dieser Eigenheiten bewusst ist und sich damit arrangieren kann, wird aber belohnt mit einzigartigen Naturlandschaften. Damit ich mich voll auf das Fotografieren konzentrieren konnte, liess ich mir von einem spezialisierten Reisebüro, welches mit einem chinesischen Partner zusammenarbeitet, eine Route zusammenstellen. An jedem Reiseziel erwartete mich ein chinesischer Begleiter, der Deutsch oder Englisch sprach. Und so erlebte ich bereits nach der Landung eine erste Überraschung: Der Begleiter, der mich abholte war der gleiche wie bei meinem ersten Besuch vor 4 Jahren – bei 1,4 Mrd. Chinesen ein ziemlicher Zufall! Auch er erinnerte sich an mich – vor allem wegen meiner weissen Haare. Wir fuhren vom Flughafen, der sich auf 3’500 m.ü.M. befindet hinunter nach Huanglong und begaben uns sofort zum Nationalpark.

Huanglong-Nationalpark


Der Park wurde 1992 in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen. Herzstück des Parks ist ein acht Kilometer langes, durch Gletscher entstandenes Tal mit unzähligen Kalksinter-Dämmen, die laufend weiterwachsen. Im Laufe der Zeit bildeten sich zahlreiche, in Stufen hintereinander angeordnete Seen und mehrere Wasserfälle. Die gelbe Farbe des Kalksinters gab dem Tal seinen Namen (Huanglong = Gelber Drache) und steht in schönem Kontrast zu den in verschiedenen Blautönen leuchtenden Seen mit kristallklarem Wasser. Im Park selber musste ich mich erst an die Besuchermassen gewöhnen. Tausende von Chinesen waren ebenfalls auf den Holzstegen unterwegs. Das Fotografieren vom Stativ wurde zur Geduldsprobe, denn wegen der Erschütterung musste ich immer auf eine Lücke im Besucherstrom warten. Ich war froh, genügend Zeit zu haben, denn die Landschaft war wirklich einzigartig.


Am zweiten Morgen erlebte ich eine angenehme Überraschung: Obwohl erst Oktober war, verzauberte eine dünne Schneedecke die Landschaft, welche immerhin auf knapp 3000 m.ü.M. liegt. Sobald der Park öffnete, machten wir uns wieder auf den Weg. So früh am Morgen waren wir neben dem Personal, das die Stege vom Schnee räumte, die einzigen Menschen im Park – was für ein Genuss! Bereits am Vortag hatte mich die Landschaft begeistert, aber jetzt, mit der zusätzlichen weissen Pracht, sah sie beinahe surreal aus.

Jiuzhaigou-Nationalpark

Der Jiuzhaigou-Nationalpark ist für chinesische Verhältnisse nicht weit von Huanglong entfernt, aber die halbtägige Autofahrt hatte es in sich. Zuerst mussten wir mit Sommerreifen einen 4’000 Meter hohen, schneebedeckten Pass erklimmen, dann meinte der Fahrer, er müsste die verlorene Zeit mit einer halsbrecherischen Fahrt wieder aufholen. Mein Begleiter und ich waren jedenfalls froh, den nächsten Nationalpark wieder auf eigenen Füssen erkunden zu können.

Das Gebiet Jiuzhaigou umfasst ein Wassersystem, das auf 2500 m Meereshöhe in eine Berglandschaft eingebettet ist. Zwei Flüsse treffen nach 20 Kilometern aufeinander und bilden anschliesssend einen gemeinsamen Lauf. Die Seen sind durch Gletscher geformt und durch Kalkablagerungen gestaut worden. Diese natürlichen Staustufen haben zur Bildung spektakulärer Wasserfälle beigetragen. Durch das kalkhaltige Wasser weisen einige Seen eine stark türkisblaue Färbung auf. Darüber hinaus sorgt das nährstoffarme Wasser dafür, dass organisches Material nicht zersetzt wird.


In vielen Seen sind daher die von den Einheimischen als “Tausendjährige Bäume” bezeichneten Holzstämme zu finden. Am Parkeingang bestiegen wir einen der 250 Shuttle-Busse, die in der Hochsaison im Park verkehren und fuhren hoch zu einer Hauptattraktion des Parks, dem Five Flower Lake. Als wir ausstiegen, erlebte ich die nächste Überraschung – allerdings eine weniger angenehme. Eine solche Menschenmasse auf den Holzstegen hatte ich noch nie gesehen! Wir kamen kaum vorwärts, fotografieren war unmöglich und so beschlossen wir, am nächsten Tag so früh wie möglich wieder hierher zu kommen. Die Entscheidung erwies sich als richtig, denn frühmorgens konnten wir nun die ganze Farbenvielfalt dieses Sees geniessen: Rote Ahornbäume, die sich im türkisfarbenen Wasser spiegelten und unter der Wasseroberfläche Baumstämme und leuchtend grüne Algen.

Im Jahr 2017 wurde das Gebiet von einem starken Erdbeben, welches viele Todesopfer forderte, heimgesucht. Auch die Parklandschaft wurde sehr stark in Mitleidenschaft gezogen.

Sanqingshan-Nationalpark

China Nationalparks
Am nächsten Tag hiess es Abschied nehmen. Mein Begleiter, der vor Ort alles vorbildlich organisiert hatte, fuhr zurück nach Chengdu. Ich flog nach Guilin, wo ich einige Tage in der Karsthügellandschaft am Li River fotografierte. Nach einer wenig erholsamen Reise im Nachtzug holte mich am Bahnhof in Shangrao ein neuer Begleiter ab. Wir fuhren gleich zum Parkeingang und von dort mit der Seilbahn hoch zu unserem Hotel, welches sich im Herzen des Nationalparks befand.

Hauptattraktion von Sanqingshan sind die einzigartigen Gesteinsformationen mit insgesamt 48 Felsspitzen und 89 Säulen. Die erste Wanderung führte an den westlichsten Punkt des Parks, wo wir auf den Sonnenuntergang warteten. Statt auf Holzbohlen waren wir nun auf unzähligen Steintreppen unterwegs. Neben den Felsgebilden beeindruckten mich auch die farbigen Bäume. Zwischen Kiefern wuchsen Ahornbäume, die jetzt im Herbst mit leuchtend roten Blättern herausstachen.

Am nächsten Morgen wollten wir den höchsten Berg erklimmen und noch vor Sonnenaufgang oben sein. Wir standen um halb vier Uhr auf, denn es galt über 3’000 Treppen emporzusteigen. Ich schlug ein gemütliches, aber regelmässiges Tempo an. Für meinen Begleiter war das viel zu schnell. Immer öfter mussten wir Pausen einlegen, bis wir endlich, nach zwei Stunden auf dem Gipfel ankamen. Es war aber nicht zu spät und wir hatten ausserdem noch Glück mit dem Wetter. Ich konnte die verschiedenen Phasen der Morgendämmerung fotografieren, dann erschien die Sonne für eine halbe Stunde, bevor sie hinter einer dichten Wolkendecke verschwand.

Huangshan-Nationalpark


Bei Nieselregen fuhren wir am nöchsten Morgen zurück ins Tal und anschliessend mit dem Taxi zu einem weiteren Höhepunkt dieser Reise, dem Huangshan-Nationalpark. Etwa auf halber Strecke hielt das Fahrzeug plötzlich an. Am Strassenrand wartete ein anderes Auto und eine junge Chinesin. Sie war ab jetzt für meine Begleitung zuständig. Mit der Seilbahn ging es auch in diesem Park hinauf zu den Hotels auf den Huangshan Mountains. Der Nieselregen hatte sich mittlerweile in dichten Nebel verwandelt, was ich mir eigentlich gewünscht hatte. Gerade dieses Zusammenspiel zwischen Wolkenfetzen, Nebelschwaden und den bizarren Felsformen macht den grossen Reiz dieses Nationalparks aus und inspiriert seit Jahrhunderten chinesische Maler.

Meine Begleiterin war froh, dass ich die Gegend bereits vor vier Jahren kennengelernt hatte, denn so musste sie nicht auch um halb fünf Uhr aufstehen, um zu einem der bekannten Aussichtspunkte zu wandern. Auf der Aussichtsplattform waren bereits zahlreiche Fotografen, doch ich fand noch einen guten Standort für das Stativ. Die Nebelgrenze war in der Nacht gesunken, so dass jetzt die Felspfeiler aus dem Nebelmeer ragten – genau so hatte ich mir die Szenerie gewünscht. Der Himmel verfärbte sich langsam von Dunkelblau über Purpur in ein milchiges Morgenrot. Als die Sonne über dem Nebel aufging, war für mich die schönste Stimmung vorbei – nicht aber für die Chinesen. Es wurde freudig geklatscht und die Kameras begannen erst jetzt so richtig zu klicken.

Ich zog mich zurück und suchte einen anderen Standort für den nächsten Morgen. Etwas weiter entfernt vom Hotel fand ich einen Felsenturm, auf den eine Treppe hinaufführte. Oben befand sich eine kleine Plattform, die mit einem Geländer gesichert war und den Blick frei gab auf eine fotogene Felsgruppe im Osten – ich hatte meinen neuen Fotostandort gefunden!

Am letzten Morgen im Huangshan-Nationalpark war ich zuerst alleine auf der neu entdeckten Plattform. Nach einer halben Stunde füllte sich der kleine Platz jedoch und ich war froh, dass ich das Stativ vorne am Geländer aufgebaut hatte. Die Sonne ging genau hinter dem Felsen im Osten auf und der feine Nebel zusammen mit dem rötlichgelben Licht erzeugte für einige Minuten eine fantastische Stimmung. Glücklich, dass ich den perfekten Standort gefunden hatte und zufrieden wegen des tollen Morgenlichts verliess ich Hunagshan.

Ein Besuch dieser vier Nationalparks im Reich der Mitte lohnt sich immer wieder. Wenn man mit den Eigenheiten des chinesischen Tourismus zurechtkommt, wird man mit tollen Bildern belohnt.

 

Roland Gerth gehört zu den erfolgreichsten Landschafts- und Reisefotografen der Schweiz. Er fotografierte schon 35 Bildbände und über 200 Autorenkalender.

Für die Zeitschrift NATURFOTO verfasst er regelmässig Reiseberichte: www.naturfoto-magazin.de

 

www.rolandgerth.ch
IG: roland.gerth
fb: Roland-Gerth-Photography

© Fotos: Roland Gerth

 

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