LIGHTMAG
Cityscape

Ein Plädoyer für das Postkartenbild

Wenn der gute Ruf erst mal dahin ist…
“Postkartenwetter” steht als Synonym für schönes, langweiliges Wetter mit stahlblauem Himmel und Sonnenschein. In der künstlerischen Fotografie wird die “Postkartenidylle” gerne als Antithese zur eigenen Kunstauffassung verwendet. Nicht wenige Texte zur zeitgenössischen Fotografie oder Inhaltsangaben zu ebensolchen Büchern verwenden den Satzbaustein “…jenseits der Ansichtskarten-Idylle…”

Da wird es schwierig, dazu zu stehen, dass man für Postkarten fotografiert. In der Hierarchie der Fotografenzunft steht man mit dieser Tätigkeit auch nicht unbedingt zuoberst. Trotzdem möchte ich hier eine Lanze brechen für das Postkartenbild und gleichzeitig gestehen, dass ich selber solche Bilder produziere. Ja genau – und das schon seit über 20 Jahren! Und ich schäme mich nicht dafür, denn ich bin überzeugt, dass das Postkartenbild besser ist als sein Ruf.

Es gibt bestimmt einen Grund, weshalb sich die Postkarte immer wieder erfolgreich gegen ihren oft prophezeiten Untergang wehren kann. Vielleicht ist es die Illusion eines Idealzustandes welche sie vermittelt. Man ist im Urlaub oder macht eine Städtereise – man ist positiv ausgerichtet und will für diese kurze Zeit den Alltag hinter sich lassen. Dies sollen auch die Daheimgebliebenen mitbekommen, man will ihnen zeigen, in welcher Umgebung man seine Auszeit verbringt.

Der Mensch will nicht unbedingt ein Abbild der Realität, sondern ein Idealbild – auch wenn er es selber nicht erlebt hat. Andererseits ist es nicht allen vergönnt, eine tolle Stimmung, die wirklich stattgefunden hat, selber adäquat auf den Sensor bannen zu können.

Das Postkartenbild transportiert positive Gefühle, es zeigt nicht die Realität des Käufers – sondern diejenige des Fotografen beim Betätigen des Auslösers. Aber das spielt keine Rolle, denn alle sind sich dieser Illusion bewusst.

Der Fotograf scheut keine Mühen, steht frühmorgens schon vor seinem Motiv, wartet stundenlang auf das richtige Licht, steigt in die Höhe für ungewohnte Perspektiven – alles um ein optimales Bild zu kreieren.

Die Postkarte dient also nicht nur zur Übermittlung von Feriengrüssen. Sie ist ebenso die Visitenkarte eines Ortes oder einer Stadt, welche tausendfach verschickt wird. Und sie ist quasi das Cover für unseren Aufenthalt in einer fremden Umgebung. Den Inhalt dieses Buches tragen wir in uns, am Titelbild lassen wir auch andere teilhaben.

© Fotos: Andreas Gerth

Die Bilder stammen aus der Postkartenserie “Basel – Stadt am Rhein”

 

SPONSOR

Ähnliche beiträge

Ein fotografischer Städtetrip durch die Westschweiz

Andreas Gerth

Hinterlasse einen Kommentar

* Mit der Nutzung dieses Formulars erklären Sie sich mit der Speicherung und Verarbeitung Ihrer Daten durch diese Website einverstanden. Kommentare werden erst nach Sichtung durch die Redaktion publiziert.

error:

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen